Test-Perle: Eine neue Dimension

Geschrieben von am 10. Juli 2021 in Allgemein, E.-ATV, Test + Technik

Manche Geschichten sind schnell erzählt. Diese hier fängt jetzt erst richtig an.  Alles begann mit Umbauten von Standard-Quads und setzt sich seit über einem Jahrzehnt fort  mit der Entwicklung und Fertigung von erlesenen Sport-Quads: E-ATV. Und jetzt geht es weiter mit  neuester Technologie und einem Fahrzeug, das den Quad-Sport neu definiert.

Echte Sport-Fahrer haben es derzeit nicht leicht. Etliche Hersteller beliebter Quads haben sich vom MX- und Enduro-Markt zurückgezogen. Hondas TRX 450 ist nicht offiziell erhältlich in Deutschland, Suzuki hat die LT-R eingestellt und bei Kawa geht auch nix mehr mit der KFX 450, KTM gab sein Engagement im Vierradbereich leider auch auf. Lediglich Yamaha begeistert die Szene nach wie vor mit der YFZ450, als „R“ mit Einspritzer und breitem Fahrwerk. Soweit zu den großen Herstellern. Schon immer waren es die begeisterten Schrauber, die mit tollen Ideen und klasse Lösungen hervorragende Quads auf die Räder stellen. Clemens Eicker und seine feine Quad-Manufaktur E.-ATV Racing ist einer davon. Seit vielen Jahren begeistert der Niederrheiner nicht nur Kenner mit seinen Kreationen.

Das Beste an den Quads von E.-ATV Racing ist, dass jedes für sich den ihm zugedachten Einsatzzweck optimal abdeckt. Wer ein Straßen-Quad bestellt, bekommt auch eines. Kompromisslos, aber ebenso, dass das Fahren auf Asphalt spaßig und sicher ist. Enduro? Hier gilt das Gleiche. Alles ist so konfiguriert, dass es optimal über Stock, Stein und Wurzeln geht. Das neue Moto-Cross-Modell ist somit ebenfalls ein kompromissloses Sportgerät. Anwendbar wäre für die neue E.-ATV 450 SX-F der Werbetext, den KTM für sein Motorrad verfasste, welches dem Quad made in Germany auch diesmal wieder als Basis dient: Wenn maximale Leistung gefordert ist, gibt es keine andere Wahl als die 450 SX-F. Dieses Modell hat sich weltweit und über Jahre hinweg in den wichtigsten und größten Meisterschaften bewährt. Das stimmt und trifft auf Eicker‘s Fahrzeuge gleichermaßen zu. „Wir achteten beim Entwurf der neuen Maschine extrem auf Gewichtsersparnis“, erklärt Sebastian Lodder, Chefmechaniker und zugleich „Werksfahrer“ bei E.-ATV. Es wurde lange getüftelt und schließlich bringt der Leistungssportler nur noch 158 Kilogramm auf die Waage. „Sogar die Kunststoffteile nahmen wir uns vor, um zu schauen, wo noch ein paar Gramm zu holen sind!“

Der Motor von KTM – der Hammer

Für die Idee ein MX-Quad auf den Markt zu bringen, welches die Angabe „Rennfertig“ in eine neue Dimension bringt braucht es nichts Geringeres als eine Leistungsexplosion. Und jede Menge Schub: Der 450ccm -1-Zylinder Motor entfaltet mehr als 62 PS. Mit einer maximalen Drehzahl von 11.500 Umdrehungen geht er bis an das Äußerste und ist doch nie überfordert. Etwa mit neuen Features wie beispielsweise seinen wesentlich kompakteren Abmessungen, höherer Leistung im gesamten Drehzahlbereich und einer Gewichtsreduzierung um 1,8 kg ist dieser neu entwickelte Motor der leichteste 450er-Motor auf dem MX-Markt. Dies auch dank eines überarbeiteten Zylinderkopfes mit einfacher obenliegender Nockenwelle und modernster elektronischer Kraftstoffeinspritzung. Im überarbeiteten und sechs Millimeter kürzeren Zylinder mit optimierter Wasserkühlung arbeitet ein extrem leichter Kolben in Kasten-in-Kasten-Bauweise mit einem gewichtsoptimierten Kolbenbolzen, der einen großen Beitrag zu den geringen Vibrationen des Motors und dessen Drehzahlstärke leistet. Die verwendete Lithium-Ionen-Starterbatterie wiegt nur 495 Gramm und bietet neben dem sicheren und zuverlässigen Starten eine Gewichtseinsparung von einem Kilo. Das Kraftpaket wird bei Laune gehalten von einem leichten 4-Gang-Getriebe mit Übersetzungsverhältnissen, die perfekt auf die Leistungsentfaltung des Motors abgestimmt sind. Zudem sind die Gänge 1 und 3 nun für höhere Zuverlässigkeit mit einer speziellen Oberflächenbeschichtung versehen. Das komplett überarbeitete Keihin Motor-Management-System mit elektronischer Kraftstoffeinspritzung verfügt über einen völlig neuartigen Drosselkörper. E.-ATV-Piloten genießen schon seit 2009 mehr thermische Sicherheit, als die Solofahrer.  Serienmäßig gibt es nämlich einen Lüfter, der einstellbar eingreift zwischen 65 und 110 Grad Öltemperatur.

Eine solide Basis: Das Chassis

Neben dem Motor hat Eicker auch andere Features aus dem Basis-Motorrad übernommen. Etwa den optimierten Luftfilterkasten oder die Traktionskontrolle, welche dem Fahrer den Start erleichtert. Leicht macht es das Quad seinem ambitionierten Piloten auch in anderer Hinsicht. So kann er sich auf das Federungspaket verlassen. Serienmäßig kommen an den großen A-Arms Systeme von TFX-Suspension aus Holland zum Einsatz, die wie der originale WP Dämpfer der KTM – in Zug- und Druckstufe einstellbar sind. Aufpreispflichtig ist die Ausrüstung mit drei Reiger-Dämpfern, welche noch mehr Hub bieten und die geniale Neigetechnik des Federungsspezialisten aufweisen. Durch ein ausgeklügeltes System regelt der Dämpfer den Ölfluß und „merkt“, ob sein Rad innen oder außen in der Kurve liegt und passt die Dämpfung entsprechend an.

Aufgehängt ist der hintere Dämpfer an der CNC-gefrästen Schwinge aus hochfestem Aluminium. Die Achse besteht aus einem nicht rostenden Edelstahl, der eigentlich nur für Airbus hergestellt wird. Diese brechen nicht und weisen selbst nach fünf Jahren Einsatz keine Ermüdungserscheinungen auf. Neben der Federung ist bei Eicker‘s alles einstellbar oder individualisierbar. Wer seine Fußrasten zum Beispiel weiter vorn platziert wissen will, der muss es nur bei der Bestellung angeben. Gestiegen ist gegenüber den Vorgängermodellen die Bodenfreiheit, die Felgen rollen mit dem Lochkreis von Yamaha. „Weltweit können unsere Kunden für die gängigsten Teile auf das Netz der KTM-Händler zurückgreifen“, schildert Sebastian Lodder, verweist aber sogleich auch auf die ABM Bremsscheiben, die für seinen Arbeitgeber gefertigt werden. Den Unterbodenschutz gibt es obendrauf, auch für die Schwinge. Die Lager der unteren A-Arme sind jetzt Nadellager und nicht wie bisher Gummi-Silent-buchsen. Die Lenksäule kann an den Fahrer angepasst werden und verläuft übrigens durch den Steuerkopf des Motorradrahmens, was den E.-ATVs eine unglaubliche Stabilität verleiht, gegenüber den Konstruktionen herkömmlicher Quads.

 

Abgefahren

Man nimmt Platz auf einer ergonomisch perfekt geformten Sitzbank mit höherem Schaumstoff-Polstervolumen, was für großartigen Komfort sorgt. Zwar vermittelt einem die Neue – wie die meisten E.-ATVs – die gefühlte Sitzposition eines Motorrades, aber das gibt sich bereits nach wenigen Runden. Man schätzt schnell die enorme Bewegungsfreiheit, die dem Fahrer schnellste Richtungswechsel ermöglicht. Dazu trägt bei, dass Eicker sich auch um das Maß und die Position der Rasten bemüht, die auf den Fahrer angepasst werden. „Unser Schwerpunkt liegt – trotz Moped-Optik – immer tief unten“, verdeutlicht Lodder am Objekt. Unser Test-Quad begeisterte in den Wellentälern einer niederländischen Sand-Cross-Piste, welches normalerweise extrem an der Kondition zehrt. Wie auf Schienen und beinahe stoisch ruhig bügelt das Eickersche Geschoss die Buckel nieder. Klasse!

Die von KTM übernommene „Corner Control“ lässt den Boliden aus den Ecken schießen. Gegenüber anderen Herstellern, aber auch gegenüber den vorherigen Modelljahren aus dem Hause, ist der starke Motor dosier- und damit kontrollierbarer geworden. Was einem zunächst wie ein Leistungsdefizit vorkommt, ist in Wahrheit das verbesserte Motormanagement. Eine stabilere Kurvenlage ist ebenfalls zu verzeichnen. Das MX-Quad von E.-ATV passt sich perfekt an seinen Fahrer an. Mensch und Maschine verschmelzen zu einer Einheit. Gut so. Denn auf der Cross-Strecke bleiben meistens nur Zehntelsekunden, die richtige Entscheidung zu treffen. Beschleunigen oder bremsen. Links oder rechts vorbei.

(K)eine Frage des Preises

So viel Quad hat seinen Preis. 16.990 Euro sind aufgerufen, soll eine E.-ATV 450 SX-F den Besitzer wechseln. Angesichts der gebotenen Leistung nicht zu viel, meinen wir.

Denn es handelt sich – wohlgemerkt – um ein absolut konkurrenzfähiges Wettbewerbsfahrzeug für den MX-Fahrer. Wollte der etwa das Quad eines japanischen Herstellers auf ein ähnliches Niveau tunen, wäre er ein Mehrfaches des Geldes los. Investitionen ins Fahrwerk und den Motor reißen Löcher ins Budget, sind aber bei Eicker überflüssig. Einmal gekauft heißt lange wettbewerbsfähig mitzumischen. Und über solche Quads werden wir uns alle noch lange erfreuen können. Da geht was!

Text: Ralf Wilke; KTM   Fotos: Ralf Wilke; Jenny Eicker; E.-ATV Racing; KTM

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