Jeder Zentimeter zählt

Geschrieben von am 30. Juni 2020 in Allgemein

An allen uns bekannten mechanischen Fortbewegungsmitteln ist die Möglichkeit die Vorwärtsbewegung mittels einer Bremsung auch wieder zu unterbinden das Wichtigste. Moderne Bremssysteme an motorisierten Fahrzeugen sind heute kleine technische Wunderwerke, die den Fahrzeugführer vor allem in kritischen Situationen entlasten und unterstützen.

Ein Meilenstein in der Entwicklung von Fahrzeugbremsen war die Erfindung des Anti-Blockier-Systems, kurz ABS. Can-Am hat seit Jahresbeginn diese Technik nun auch in die Fahrzeuggattung ATV implementiert und damit wieder einmal eine Innovation angestoßen, die sich als Standard etablieren wird.

Bombardier Recreational Products, in der Szene besser unter dem Firmenkürzel BRP bekannt, hat mit seinen Powersport-Produkten unter dem Namen Can-Am den Markt für freizeitorientierte Offroad-Vehicel seit Jahren immer wieder neu belebt. So ist es nicht verwunderlich das die Kanadier nun auch die Ersten sind, die ein ATV mit einem ABS-Bremssystem ausstatten. Besser gesagt, für nahezu alle aktuellen Outlander und Renegade Modelle ab Baujahr 2018. Im Bereich der SSV- und UTV-Fahrzeuge werden bald weitere Modelle mit ABS folgen. Hier hat allerdings Polaris die Nase vorn, die ebenfalls kürzlich ihr Side-by-Side General 1000 mit einem ABS vorgestellt haben. Eigentlich ein fast überfälliger Schritt, der bei den doch sehr PKW-ähnlichen Fahrzeugen schon länger zu erwarten war. Vielleicht ist deshalb die Einführung der modernen Bremsanlage bei einem ATV die vordergründig interessantere Neuigkeit. In der Szene wird die neue ABS Funktion am ATV jedenfalls lebhaft diskutiert. Darunter finden sich allerdings nicht nur uneingeschränkte Befürworter, es gibt durchaus auch Meinungen, die dem Blockierverhinderer skeptisch gegenüberstehen.

Wir gehen den Dingen gewohnt pragmatisch auf den Grund und probieren es einfach aus. Gar nicht so einfach, denn die aktuell erhältlichen ABS-Modelle von Can-Am sind entweder auf Messen unterwegs, oder bei der Händlerschaft, um der interessierten Kundschaft Probefahrten zu ermöglichen. Die BRP Germany GmbH hat aber alle Hebel in Bewegung gesetzt und uns dann doch eine neue Outlander 570 DPS mit neuer T3B Homologation und eben dem neuen ABS-System zur Verfügung stellen können. Und um das Ganze abzurunden, gleich eine Outlander 570 DPS MAX ohne ABS dazu. So lässt sich der Unterschied doch relativ realistisch darstellen und erfahren. Den leichten Gewichtsunterschied der Modelle können wir durch die unterschiedlichen Staturen unserer Testfahrer fast nahezu egalisieren. Außerdem haben wir nach einem geeigneten Testgelände gesucht. Fündig wurden wir beim ADAC Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich, das neben unzähligen Testbereichen auch über Offroad- und Extrempassagen verfügt. Außerdem sind die Mitarbeiter dort mit dem Thema Quad und ATV sehr vertraut, denn in Grevenbroich werden schon seit Jahren professionelle Trainings in dieser Fahrzeugklasse angeboten und durchgeführt. Ideale Bedingungen also, um dem ABS am ATV so richtig auf den Zahn zu fühlen.

Wer bremst verliert?

Die Aussage mag im Motorsport zumindest ansatzweise stimmen, aber im täglichen Umgang mit dem Quad und ATV ist eine gute Bremsanlage und vor allem die richtige Benutzung lebenswichtig. Das war auch der Antrieb der Entwickler der heutigen ABS-Bremsen, nämlich die Bremsanlagen so gut wie möglich zu machen, aber auch so einfach zu bedienen wie es nur irgendwie geht. Schauen wir uns einmal kurz die Funktionsweise eines Anti-Blockier-Systems an. Voraussetzung ist ein hydraulisch betriebenes Bremssystem, das sich heute an so gut wie jedem Kraftfahrzeug verbaut findet. Selbst an Fahrrädern greift man mittlerweile auf dieses System zurück. Grundsätzlich soll das ABS ein Blockieren der Räder beim Bremsvorgang verhindern. Dies geschieht durch eine elektronisch geregelte Steuerung der Bremskraft. An jedem Rad, oder im Fall der Can-Am, direkt auf der Antriebswelle befindet sich ein Induktionsgeber sowie ein Loch- oder Zahnkranz, mit denen die Drehzahl gemessen wird.

Der Bremsdruck an einem Rad wird gemindert, wenn dessen Drehzahl während des Bremsens im Vergleich zu denen der anderen Räder unverhältnismäßig sinkt. Das wird elektronisch in einem Steuergerät erfasst, ausgewertet und über Druckventile in den Bremsleitungen geregelt. Diese Regulierung erfolgt in der Regel ca. zehnmal pro Sekunde, der Intervall macht sich auch spürbar am Hand- oder Fußbremshebel durch ein starkes pulsieren bemerkbar. Durch den schnellen Wechsel von starkem und weniger starkem Bremsdruck wird das Blockieren der Räder also verhindert. Das hat zwei wesentliche Vorteile. Nicht blockierende Räder lassen sich auch bei maximalem Bremsdruck noch lenken, wodurch man Gefahren oder Hindernissen ausweichen kann. Außerdem werden die sogenannten Bremsplatten verhindert, die entstehen durch verstärkten Gummiabrieb an der reibenden Fläche des Reifens. Dieser punktuelle Verschleiß erzeugt unrunden Lauf und erhöht das Risiko vorzeitiger Abnutzung. Bei den üblichen sehr groben Profilen der ATV-Bereifung ist das allerdings kein ganz so großes Problem. Aber eine gleichmäßige Beanspruchung erhöht auf jeden Fall die Lebensdauer.

Stillstand ist Fortschritt

Wie so viele andere Bremssysteme, wurde auch das ABS für Can-Am von Bosch entwickelt. Das jahrzehntelange Know-how wird natürlich dem Premiumanspruch der Kanadier gerecht. Das von uns getestete System an einer Outlander 570 ist bauartbedingt ein Dreikanal-System, weil das ATV nur über drei Bremsscheiben verfügt. Vorn sind zwei, hinten ist nur am rechten Rad eine Bremsscheibe verbaut. An der Hinterachse überträgt sich allerdings die Beschleunigungs-, wie auch die Bremskraft über das Achsgetriebe auch auf das linke Rad. Auf dem weitläufigen Gelände des ADAC Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich finden wir ideale Bedingungen für unsere Fahrversuche, die sich diesmal fast ausschließlich auf die Bremsleistung und die resultierende Fahrdynamik konzentrieren.

In verschiedenen Versuchsaufbauten möchten wir die Vor- und Nachteile einer ABS-Bremse im direkten Vergleich zu einer klassischen Bremsanlage erfahren. Da das ABS erst bei maximalem Bremsdruck wirksam einsetzt, mussten die Testfahrer entsprechend immer in die Vollen gehen. Bei der Bremsung auf trockenem Asphalt mit 50 km/h und ohne Ausweichlenkung ergeben sich tatsächlich nur geringe Unterschiede. Wir führen jeweils drei aufeinanderfolgende Messungen durch und mitteln die Ergebnisse. Wie aus der Messtabelle zu ersehen, bei der geringen Geschwindigkeit kann die konventionelle Bremse locker mithalten. Erst bei der Bremsung aus 70 km/h kann die ABS-Bremse zeigen was sie kann. Da sind schon ein paar Meter Unterschied. Aber erst nach der Beregnung der Teststrecke kann das ABS seine Vorzüge voll ausspielen. Nur ein paar Zentimeter mehr braucht die ABS-Outlander mit 70 km/h auf nasser Fahrbahn. Die Standardbremse kann mit blockierenden Rädern nicht viel ausrichten. Fast beängstigend schießt das Fahrzeug am Kameramann vorbei.

Das war zwar zu erwarten, aber dass sich das so deutlich zeigt hat uns doch überrascht. Nicht überrascht waren wir beim Versuch der Kurvenbremsung. Aus Sicherheitsgründen haben wir hier auf eine Geschwindigkeitsvorgabe verzichtet, die Testfahrer haben sich langsam an eine Circa-Geschwindigkeit von 50 km/h herangetastet. Eine konkrete Bremswegmessung war deshalb nicht möglich, aber die Ergebnisse sind auch so eindrucksvoll nachvollziehbar. Die Outlander ohne ABS ist bei jeder Bremsung ausgebrochen, Lenkkorrekturen waren nur noch sehr eingeschränkt möglich. Das Fahrzeug schob über die Vorderräder aus der Kurve. Hier konnte das ABS noch einmal seine Vorzüge ausspielen. Lenkbewegungen wurden tatsächlich umgesetzt, die Räder hatten stets vollen Bodenkontakt und somit hatte der Testfahrer das Fahrzeug immer unter Kontrolle. Insoweit konnte das ABS-System schon überzeugen, denn die überwiegende Mehrheit der ATV-Fahrer nutzt ihr Fahrzeug zum Touren im öffentlichen Straßenverkehr. Aber bringt ein ABS auch im Gelände einen Vorteil? Wir probieren es aus.

Die Erfahrung beweist, dass blockierende Räder auf losem Untergrund oder auf Schnee grundsätzlich kein Nachteil sein müssen. Das aufgeschobene Material (Keilbildung) kann durchaus zur Verkürzung des Bremswegs beitragen. Das gilt natürlich nur für Bremsungen geradeaus. Das ABS hilft hier also nur, wenn es ums Eck gehen soll. Im Versuch war es allerdings sehr schwer, die ABS-Funktion zu aktivieren. Man muss schon ordentlich Gas geben und beherzt das Bremspedal durchtreten, bis sich der gewünschte Effekt einstellt. Nach einigen Runden auf dem Testgelände konnten die Fahrer nur marginale Unterschiede in der Effizienz der Bremsen feststellen. Zumal geübte Fahrer eine Richtungsänderung zumindest mit blockierenden Hinterrädern auch gern provozieren. Einen Vorteil kann das ABS aber im Gelände noch ausspielen. Das System verfügt bei eingeschaltetem Allradantrieb nämlich auch über eine Art ASR, also eine Anti-Schlupf-Regelung. Wenn beim Gas geben zum Beispiel ein Rad an der Vorderachse durchdreht, weil die Front sich anhebt, dann regelt das ABS-System durch gezielte Bremsungen und die Verteilung von Drehmoment über das vordere Achsgetriebe auf die Räder für optimalen Vortrieb.

Fazit

Auch wenn sich bei unseren Fahrtests die Vorteile eines ABS im Gelände nicht ganz so deutlich herausstellen lassen, sprechen die Ergebnisse unserer Messungen auf Asphalt für sich. Oder eben für das ABS, das Can-Am als erster Hersteller am ATV einsetzt. Wir sind sicher, weitere Anbieter werden folgen, zumal das ABS eine T3b-Homologation mit eingetragenen 105 km/h Höchstgeschwindigkeit ermöglicht.

Text: Frank Meyer

Fotos: Frank Meyer, Can-Am

Magazinbeitrag aus 04/2018

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