Entdeckung mit drei Rädern

Geschrieben von am 13. November 2022 in Allgemein

Eine Bikerin entdeckt den Spyder: Es ist weder Auto noch Motorrad, aber auch kein Quad – aber man darf es mit einem PKW-Führerschein fahren und kann sich wohlfühlen auf diesen drei Rädern. Und sogar richtig Spaß haben!

Schick: Design ist keine Frage der Anzahl an Rädern. Can-Am bietet viele Anpassungsmöglichkeiten im Konfigurator.

Eines vorweg: Dieses Fahrzeug hat zwar drei Räder, aber nichts mit den Trikes zu tun, die Biker und Offroader oft als behäbig dahingleitend wahrnehmen. Nichts hat der Can-Am Spyder F3-S damit gemein. Aber es ist auch schwierig mit der Einsortierung in eine Schublade. Am meisten Spaß hatte ich überraschend im Regen und auf Schotter, aber dazu später mehr, fangen wir mal von vorne an…

Ansprechende Ausstattung

Vor allem die kernig-coole Optik hatte es mir auf den ersten Blick angetan, so dass ich mich zugegebenermaßen vom Äußeren habe anziehen lassen von diesem Zwitter: Äußerlich durch die grau-orangenen Design-Elemente eher offroadmäßig kernig, alles recht „naked“. Besondere Kennzeichen: Das Fox-Sport-Fahrwerk mit Gasdruckstoßdämpfern, Halogen-Scheinwerfern, Frontkotflügel mit integrierten LED-Leuchten sowie schwarz perforiertem Sitz mit orangenen Ziernähten und elektronischer Geschwindigkeitsregelung. Das Cockpit dominiert ein 7,8-Zoll großes LCD-Panorama-Farbdisplay, auf dem sich sehr gut und übersichtlich der Fahr-Modus (ECO oder Sport), der Gang, die Uhrzeit, der Tankvorrat und natürlich Geschwindigkeit und Drehzahl ablesen lassen. Auch die Hinweise, ob die Parkbremse angezogen ist sowie Schaltempfehlungspfeile sind hilfreich und gut erkennbar. Die Sitzposition ist angenehmer als es von außen vermuten lassen würde. Als Bikerin bin ich eher an weiter zurück versetzte Fußrasten gewöhnt und beuge den Oberkörper dynamisch nach vorn – die Körperhaltung ist hier also komplett entgegengesetzt zu meinen Supersportlern. Aber das macht Sinn, weil man hier im Prinzip einfach nur draufsitzen muss – womit wir zum entscheidenden Punkt beim Fahrspaß kommen: dem Fahrverhalten.

VerkehrteWelt in der Sitzposition: Ungewohnt aber cool, lässig und dennoch sportlich.

Mit 115 PS schiebt der 1.330-Kubik-Reihen-Dreizylinder von Rotax kräftig los, vor allem im Stadtverkehr flutscht man damit ganz flott vorneweg. Auch auf der Landstraße powert der F3-S zügig dahin, besonders die Halbautomatik gefiel mir prima: Hochgeschaltet wird mit dem „+“-Taster, herunter schaltet sie angenehm weich von selbst. Das Getriebe wirkt im Vergleich zu einem DSG beim PKW etwas härter: Die Gangwechsel sind insbesondere beim Hochschalten deutlich hörbar mit einem lauten „Klack“. Mir persönlich gefiel aber gerade das, wusste ich doch so in Kombination mit der Ganganzeige immer ganz konkret, in welchem Gang ich mich gerade befinde. Gefällt mir auf jeden Fall deutlich besser als ein einschneidendes Erlebnis mit einem Supersport-Motorrad einer bekannten italienischen Marke, bei dem sich der Schaltautomat bei Tempo 180 km/h nicht zwischen dem fünften und sechsten Gang entscheiden konnte und einen entsprechend schwarzen Strich auf die Autobahn donnerte. Da ist mir ein deutliches „Klack“ und eine klare Entscheidung doch lieber. Passt auch zu dem insgesamt kernigen Charakter des F3-S.

Nur so zum Spaß

Wenig Autobahn – viel Landstraße: Der Spyder F3-S gehört um die Kurven geschmissen.

Autobahn ist aber im Übrigen ohnehin nicht gerade das bevorzugte Revier des F3-S. Mangels Wind-Shield sollte dies aber auch selbsterklärend sein, denn ab spätestens 130 km/h ziehen die Kräfte und der Wind dann doch unangenehm stark an Händen und Nacken, das macht keinen Spaß auf Dauer. Unerwarteten Spaß dagegen bescherte mir aber plötzlich einsetzender Regen: Als die Traktionskontrolle beim Geradeausbeschleunigen an der Ampel auf regennasser Fahrbahn ordentlich Schlupf zuließ am Hinterreifen, machte ich mir schon ein bisschen Gedanken, ob ich wohl heil nach Hause komme… Aber seitlich verhält sich die TC (Traktion Control) in fein abgestimmter Zusammenarbeit mit dem ESP (Electronic Stability Program), das bei Can-am „SCS“ heißt (Stability Control System), deutlich strenger und greift entsprechend früher regelnd ein. Was aber nicht heißt, dass der Spaßfaktor ausgeschaltet bleiben muss: Im Sport-Modus gibt es die Option „TC off“, womit man das Dreirad sogar kurzzeitig auf zwei Räder bugsieren kann, wenn man es denn kann und möchte. Ein Übersteuern und insbesondere Kippen wird aber dennoch zuverlässig verhindert – Kompliment, das haben die Fahrwerksingenieure super eingestellt!

Gibt’s auch: Farbliche Alternativen.

Apropos Fahrwerk und Lenkung: Der Spyder F3-S ist mit seinem sportlichen Fox-Fahrwerk tendenziell immer leicht untersteuernd, was auch bei hohen Geschwindigkeiten so bleibt. Selbst im Falle eines bewusst harten Beschleunigens in der Kurve wird das kurvenäußere Vorderrad durch Bremseneingriff gezielt stabilisiert – das ist ein absolut wertvolles Sicherheits-Feature, denn niemand möchte wohl umkippen oder sich eindrehen. Im Sport-Modus dagegen lässt er deutlich mehr zu, so dass man richtig driften kann: Geil! Das Fox-Fahrwerk ist schön straff abgestimmt und somit entsprechende sportlich. Dennoch ist es ausreichend komfortabel. Aber leichte Unruhe kommt bei etwas höheren Geschwindigkeiten ins Fahrwerk, wenn ein Vorderreifen über Gullideckel muss – nobody´s perfect. Physikalisch logisch: Bekommt das Fahrwerk einen Schlag vom Gullideckel, federt es seitlich ein und erzeugt automatisch einen leichten Lenkimpuls in Gestalt einer Aufbaubewegung – ungewohnt für Zweiradfahrer.

Man gewöhnt sich an alles

Was ebenfalls etwas Eingewöhnung erfordert, ist das komplizierte Start-Prozedere beim Spyder: Nach dem Schlüssel ´rumdrehen muss man erstmal den „Mode“-Knopf drücken und abwarten, bis die Bordelektronik hochgefahren ist. Erst dann kann man – unter gleichzeitigem Tritt auf die Bremse mit dem rechten Fuß natürlich – die Parkbremse lösen und erst dann den Start-Knopf betätigen. Das muss man sich schon gebetsmühlenartig gedanklich aufsagen, um an alles in der richtigen Reihenfolge zu denken – und beim Ausschalten des Apparates in umgekehrter Reihenfolge abzuspulen.

Ordentlich Gegenwind: Ohne Wind-Shield bietet man den Elementen eine Angriffsfläche.

Denn sonst hört es die ganze Straße mit, wenn ein ohrenbetäubend lautes PIEP – PIEP – PIEP unüberhörbar einen Patzer in der Reihenfolge anprangert. Dieser komplizierte Werdegang wird nur noch getoppt vom umständlichen Rückwärtsgang-Einlegen: Man muss den „-“-Schalter (oder war es „+“?) gedrückt halten und gleichzeitig „R“ drücken. Mein Tipp: Am besten nochmal bei der Abholung vom Händler erklären lassen, dann merkt man es sich besser. Aber immerhin hat das Teil einen Rückwärtsgang – schieben möchte ich ihn nämlich nicht. Und das tut auch dem Charme dieses besonderen, etwas eigenen Gefährtes keinen Abbruch: Man gewöhnt sich an alles und die Bedienung ist immernoch zehnmal selbsterklärender als das Infotainment vieler aktueller volldigitaler PKW-Cockpits.

Mein Fazit

Simone Willmann: „Ich lernte den Spyder kennen und schätzen, entdeckte jede Menge Fahrspaß. Coole Sache!“

Das Sondermodell Spyder F3-S kombiniert das Beste aus zwei Welten: Kernige Optik wie ein Ryker, aber komfortable Sicherheits- und Fahrwerks-Features des Spyder getoppt mit speziellen Design-Highlight-Komponenten. Dennoch musste ich auf meinen Testfahrten feststellen, dass die Meinungen zu den Can-am On-Road-Fahrzeugen doch sehr weit auseinandergehen: Von „Sieht richtig gut aus, voll mein Ding!“ über „Fährt sich cooler als man denkt“ bis hin zu „Optisch überhaupt nicht mein Fall“ habe ich allerlei Meinungen zu hören bekommen. Aber eines ist mal sicher: So richtig eine Meinung bilden kann man sich eigentlich nur, wenn man ihn mal selbst gefahren ist. Viel Spaß!

Text: Simone Willmann
Fotos: Hans-Gerd Warnecke, Hamid Shojaei, Can-Am

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