Venn einer eine Reise tut…

Geschrieben von am 4. Januar 2022 in Allgemein, Unterwegs

…so kann er was erzählen, lautet das Zitat von Dichter Matthias Claudius, das sich hier so wunderbar für ein Wortspielchen abwandeln ließ. Aber wer sich ins Hohe Venn im Osten Belgiens begibt, der hat hinterher wahrhaftig was zu erzählen. Wie der Landstrich selber mit seiner bewegenden Geschichte.

Auf geht’s: Schmale Sträßchen prägen schon die Anfahrt ins Venn.

Zu Lebzeiten des Dichters Claudius (1740 – 1815) war das Reisen oftmals ein einziges Abenteuer, weil ungleich beschwerlicher als heutzutage. Wegen fehlender oder unzureichender Infrastruktur und unkomfortablen Transportmitteln vermied man das Reisen weitestgehend oder es war wohlhabenden Personen vorbehalten. Heute brechen wir manchmal einfach nur so zum Spaß auf und eine Strecke von rund 200 Kilometern ist ein launiger Tagesausflug. Gründe, die uns zu einer schönen Quad-Tour verleiten. Plus eine tolle Landschaft, interessante Orte und Abwechslung.

Geschichtsträchtig: Spuren beider Weltkriege findet man vielerorts.

Eine solche Tour lässt sich von der Eifel aus ins östliche Belgien und zurück unternehmen. Auf unserem Tagesausflug finden wir viele Gelegenheiten zum Cruisen und Kurvenräubern, aber auch zum Seele baumeln lassen und interessante Dinge entdecken. Das wollen wir tun und treffen uns in Düren am Badesee. Die Mittelstadt liegt am Nordrand der Eifel und bietet damit den idealen Ausgangspunkt. Bei warmen Temperaturen kann man sich vor oder auch nach der Tour im Badesee abkühlen. Ein Programmpunkt, der vor allem mitgereisten Familienmitgliedern gefallen könnte, wovon es aber unterwegs noch reichlich mehr gibt. Vom Start weg geht es gleich kurvenreich in Richtung Stolberg, was schon im Kreis Aachen und damit in der Eifel liegt. Die teils denkmalgeschützten Ortsteile Schevenhütte und Breinig sind sehenswert und stellen unsere Verbindung nach Roetgen, direkt an der belgischen Grenze, her. Schnell noch ein paar der berühmten belgischen Pralinen genascht, die es unmittelbar nach dem Übertritt ins Nachbarland im Frischemarkt zu kaufen gibt.

Geschichte erfahren

Abseits des Verkehrs: Hier hat man die Straße auch mal für sich allein und kann sich breit machen für’s Foto.

Die Vennstrasse windet sich durch den Wald nach Eupen, wo man gerne auf dem Marktplatz die erste Rast einlegen kann. Obwohl deutschsprachig, hat das Städtchen schon sehr viel wallonisch-französisches Flair. Alle Bars, Cafés und Restaurants laden ein, draußen Platz zu nehmen. Den Ort verlassen wir in Richtung Wesertal, nicht zu verwechseln mit unserer Weser. Nach dem Überqueren der Sprachgrenze nennt sich das rund 70 Kilometer lange Flüsschen „La Vesdre“, an dessen Ufer sich die Straße lang schlängelt, vorbei an oder durch schöne Dörfer und Wandergebiete in Richtung Jalhay, zum Stausee La Gileppe, eines der Highlights unserer Rundfahrt. Über die atemberaubende Landschaft der Ardennen blickt man vom Aussichtsturm mit Restaurant oder man lässt die Kids im Kletterwald ihre Geschicklichkeit testen. Die ursprüngliche Staumauer war einst Europas höchste Beton-Staumauer. Imposant ist der 13,5 Meter hohe Sandsteinlöwe, der aus 180 Blöcken besteht und 300 Tonnen schwer ist. Er steht auf der Dammkrone und ist nach Nord-Osten, zur damaligen Kreisstadt Eupen und somit zur ehemaligen preußischen Grenze hin ausgerichtet, die zur Bauzeit 1867 nur fünf Kilometer entfernt lag.

Ein Hinweis auf die wechselvolle Geschichte der Gegend, deren Bewohner mehrfach unfreiwillig mal zu Preußen bzw. dem Deutschen Reich gehörten, mal zu Frankreich, Holland oder Belgien. Allenthalben entdecken wir unterwegs auch Spuren beider Weltkriege, die hier besonders wüteten. Dem Umstand schon immer Grenzgebiet zu sein sind aber auch zwei Kleinode geschuldet, die an die Reisezeit unseres Dichters Claudius erinnern könnten. Wir erreichen Barraque Michel, einst ein Rasthaus welches die beschwerliche Reise durch das unwirtliche Gebiet erleichtern sollte. Nur wenige Kilometer entfernt ist mit Mont Rigi ein Haus erreicht, was den gleichen Zweck erfüllen und als Zollhaus dienen sollte, nur eben auf preußischer Seite. Beide sind heute tolle Ausflugsziele zum Wandern durch das hier beginnende Hohe Venn oder als Einladung zum Mittagstisch. Mit dem Signal de Botrange erreichen wir den höchsten Punkt Belgiens. 694 Meter hört sich für Alpinisten vielleicht recht wenig an. Hier auf der Hochebene sind aber ebensolche Wetterkapriolen wie im Gebirge möglich. Selbst im Sommer kann man bisweilen eine Jacke vertragen. Etwa einen Kilometer südlich unterhalb der Botrange befindet sich das gleichnamige Naturparkzentrum mit wechselnden Ausstellungen zu regionalen und Naturthemen sowie einer Dauerausstellung.

Die blauen Ardennen

Der Löwe hat uns im Blick: Von der einst höchsten Beton-Staumauer.

Ardennes bleu – blaue Ardennen – nennt man diesen Teil der Landschaft, weil einst vom Wasser und seinem Lauf bzw. seinen Aggregatzuständen Eis oder Schnee geprägt und geformt. So ist das Hohe Venn als Hochmoor sehr feucht. Es gehört zum Naturpark Hohes Venn-Eifel und liegt einerseits in der wallonischen Region in Ostbelgien, teilweise auf dem Gebiet französischsprachiger Gemeinden und der Deutschsprachigen Gemeinschaft, andererseits in Nordrhein-Westfalen, das wir bei Monschau erreichen werden. Unterwegs dorthin haben wir aber unweit der Burg Reinhardstein noch den 60 Meter tiefen Wasserfall bestaunt, ein Abstecher der sich lohnt. Wie auch der Lac de Robertville, unweit des gleichnamigen Örtchens. In Sourbrodt machen wir am Bahnhof der einstigen Vennbahn-Linie halt und gönnen uns eine Fahrt auf der Draisine. Viele Jahrzehnte lang verbanden die Gleise die Industriestädte der Region, heute rollen wir mit Muskelkraft daher. Der Rest der Strecke führte einst bis Luxemburg, was seit dem Umbau zum Radweg per Bike immer noch möglich ist.

Zum Schluss noch ein Highlight: Der Rursee

Zurück in Deutschland: Ausblick auf den Rursee.

Das Etappenziel Monschau lädt zum Verweilen ein. Fachwerkhäuser in der Altstadt und die berühmte Senfmühle zwingen uns quasi zum Zwischenstopp, bevor wir uns in die Kurven Richtung Rursee stürzen. Ein wahres Eldorado, was auch unsere Kollegen auf zwei Rädern kennen und zu schätzen wissen. So ist bei gutem Wetter mit entsprechendem Verkehr zu rechnen. Die Ausblicke, welche die schmalen Sträßchen mit ihren Aussichtspunkten bieten, sind unbezahlbar. Das gilt nicht für die letzte Pause in der Biker Ranch in Simmerath. Die Preise für eine zünftige Mahlzeit sind hier wirklich moderat. Unsere Bedienung ist freundlich und die zahlreich vertretenen Biker nehmen in der netten Atmosphäre sofort Kontakt für Benzingespräche auf. Von dort aus lassen wir es durch den Hürtgenwald gemütlich zurück nach Düren rollen. Rund 200 Kilometer stehen auf der Uhr, welche aber wegen der schmalen Straßen und der entschleunigten Atmosphäre sowohl als Tagestour angelegt werden können, sehr wohl aber auch für ein Ründchen nach getaner Arbeit.

Jeder so, wie er mag. Übrigens lässt sich die hier angebotene Tour ganz einfach mit einer Runde durch die Eifel verbinden. Wir erweitern diese Ardennen-Story um eine Offroad-Wanderung in der Ausgabe 2-2022. Aber schon wenn Ihr diese Reise tut, so könnt Ihr was erzählen. Drum nehmt Euch Euer Quad und Helm und tut das Reisen wählen. Doch bevor sich nun der gute Claudius ob der Verbiegungen seiner Verse noch im Grabe umdreht, breche man lieber nochmal Richtung Ostbelgien auf. Denn es gibt im Hohen Venn noch mehr zu entdecken, als man in eine Tour packen kann.

Text: Ralf Wilke
Fotos: Ralf Wilke, Frank Meyer, Hanna Ring, Archiv QW

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