Klassik-Test: E.-ATV 690 Enduro

Logische Konsequenz

Clemens Eicker und sein Team von E.-ATV bauen Motorräder von KTM in exklusive Quads um. Das ist keine Neuigkeit und soweit bekannt. Darum verwundert es uns nicht, das man sich jetzt auch der neuen 690 Enduro angenommen hat und somit bereits zehn verschiedene Modelle anbietet. Nach dem der 690er Motor bereits 2007 seine Premiere im Supermoto-Chassis feierte, kommt der starke Einzylinder jetzt also auch in der Enduro-Version auf die vier Räder.

(Hinweis: Der Beitrag wurde erstmals in der Quadwelt 2009 veröffentlicht. Technische Angaben entsprechen nicht allen Modelljahren)

Ganz schön breit: Aber mit knapp unter 1,30 m gerade recht für den Enduro-Einsatz.

Längst hat sich die Marke E.-ATV in der Quadszene etabliert. Nicht zuletzt auch durch diverse Erfolge im Quadrennsport. Den Durchbruch der Annerkennung bei „Otto Normalverbraucher“ allerdings erreichten die zu Anfangszeiten als extravagant bezeichneten Fahrzeuge durch erwiesene Alltagstauglichkeit, Qualität und einen Service, der seinesgleichen sucht. Keine Frage, die Quads von Eicker sind nicht billig. Allerdings bedingt schon dadurch, das die Basisfahrzeuge von KTM auch keine Schnäppchen sind. Die Umbauten sind dem Nimbus der Einzelanfertigung sicher entrückt, aber dennoch, der Hauch der Exklusivität umweht jedes einzelne Quad, das die Werkstatt, oder besser gesagt, die Manufaktur in Neukirchen-Vlyn verlässt. So nun also auch die 690 Enduro, die wohl von allen Modellen am ehesten als „Allrounder“ bezeichnet werden kann.

KTM Gene transplantiert

Das Herz eines jeden E-ATV Quads entstammt bekanntlich von KTM, der österreichischen Zweiradmarke mit Weltruf. So auch im Fall der 690 Enduro. Seit 2007 erledigt der exakt 654 ccm Hubraum messende Motor seinen Job schon erfolgreich in der KTM 690 Supermoto. Kurz darauf folgte dann die Enduro-Version. Die hat sich jetzt auch das Eicker-Team zur Brust genommen und ein Quad auf die Räder gestellt, das beinahe 1:1 die Eigenschaften des Zweirads übernimmt. Fahrbar auf jedem Untergrund, auf der Crossstrecke zuhause wie auf der Autobahn, der Spielgefährte für die Feierabendtour oder auch den Trip in die Sahara. Möglich macht all dies der leistungsstärkste, in Serie gefertigte Einzylinder. 63 PS (offen) und 64 Nm Drehmoment sind schon eine Hausnummer. Dadurch das die vorhandenen Zweiradkomponenten wo immer möglich übernommen werden, steht auch dem Quad das vorwählbare Einspritzmapping zur Verfügung. Hier lässt sich je nach Geschmack die Leistung reduzieren, oder das Ansprechverhalten ändern. Auch an ein Mapping das die Einspritzung auf minderwertigen Sprit einstellt, wurde gedacht. Die hydraulisch wirkende Anti-Hopping-Kupplung (ATPC) macht die Gangwahl zum Kinderspiel, zumal auch das Getriebe sauber arbeitet.

Der im Zweiradbau mittlerweile obligatorische Leichtbau kommt hier auch dem Quad zugute. Nach dem kompletten Umbau wiegt die 690er gerade mal 195 kg. Der Gitterrohrrahmen sorgt dabei für ausreichende Stabilität auch bei Höchstgeschwindigkeit. Die schlanke Linie die der Motor zulässt, wird auch über den Tank-Sitzbankbereich bis hin zum Heck fortgeführt. Dort wo man aber den Tank vermutet, sitzt die Airbox, der eigentliche Tank befindet sich schwerpunktgünstig im selbst tragenden Heck. Die originale Schwingenaufnahme nimmt die für das Quad speziell konzipierte Schwinge und die Starrachse auf. Das vordere Lenkkopflager dient als Aufnahme für die Vorderachslenkung des E.-ATV-Umbaus. Konstruktionsbedingt muss auf die 300er Bremsscheiben des Motorrades verzichtet werden, aber die Zweikolbenbremssättel von Brembo kommen trotzdem zum Einsatz. Die 690 Enduro ist Standardmäßig mit Geländereifen bestückt, kann aber auch problemlos mit den Reifen der Supermoto-Version ausgerüstet werden. Die veränderbaren Aufnahmepunkte für die voll einstellbaren White Power Stoßdämpfer machen dies möglich. Front-, Heckbumper und Nerfbars aus Aluminium komplettieren die Enduro. Trotz der gleichen Basis unterscheidet sich das neueste E.-ATV Modell erheblich von der 690 Supermoto, die noch über eine doppelte Auspuffanlage verfügt. Auch die komplette Verkleidung wurde dem Enduro-Style angepasst. Die 690 Enduro wirkt optisch runder und weniger aggressiv.

Annäherungsversuche

Vorfreude und eine Portion Respekt begleiten uns bei der ersten Testrunde im Gelände. 63 PS sind schließlich eine Ansage. Die Sitzbank ist KTM-typisch straff und hart. Dafür passt die Ergonomie auf Anhieb auch für unterschiedlich große Piloten. Der breite Renthal Lenker ist gewöhnungsbedürftig, aber schon nach kurzer Zeit genießt man die Vorzüge, das Fahrzeug gut unter Kontrolle zu haben. Brems- und Kupplungshebel sind quasi mit einem Finger bedienbar. Die Gänge flutschen bis zum sechsten nur so durch. Schaltwege sind kurz und knackig. Die Einspritzung ist durch das direkte Ansprechverhalten spürbar, aber durch die ATPC-Kupplung hat man die 690er stets gut unter Kontrolle. Wir probieren spaßeshalber die Einstellmöglichkeit des Mappings für die Einspritzung, die per Schalter unter der Sitzbank betätigt wird. In der Stellung 1 wird dem Einzylinder rund 30 Prozent Leistung geraubt, dafür sprechen die Drosselklappen wesentlich sanfter an. Im Normalfall wird man den vierten und alle weiteren Gänge auf einer Enduro-Tour kaum benötigen. Die werden erst wieder auf flotter zu fahrenden Wegen oder auf der Straße gebraucht. Oder eben im Renneinsatz, aber das soll bei unserem ersten Fahrtest keine Rolle spielen. Beim lockeren Geländeritt offenbart sich aber auch schon vieles. So zum Beispiel, das die WP-Dämpfer hervorragend mit dem Chassis harmonieren. Die vielfältigen Einstellmöglichkeiten können das Fahrverhalten tatsächlich spürbar verändern, was sich bei billigen Ersatzprodukten aus Fernost nicht immer beweisen lässt. Überhaupt ist die hochwertige Ausstattung der E.-ATV´s immer auch ein Grund für den relativ hohen Preis. Dafür kann man aber sicher sein, später nicht mehr in zusätzliche Tuningmaßnahmen investieren zu müssen. Zumindest solange man nicht vorhat, an der Enduro-WM teilzunehmen. Wo wir schon bei Wettbewerben sind, die 690er bietet mit den knapp 1,30 Metern Breite schon einen guten Kompromiss zwischen Wendigkeit und ausreichender Stabilität in engen Kehren. Das wird viele Hobbyrennfahrer sicher ansprechen. Ob die neue E.-ATV sich bei den beliebten Enduroveranstaltungen in Szene setzen kann, wird die kommende Saison zeigen. Das Potenzial ist jedenfalls vorhanden.

Kurvenräubern

Wo Enduro drauf steht, muss nicht nur Enduro drin sein. So verhält es sich auch mit der 690er. Zwar sind die Goldspeed Geländereifen sicher nicht optimal für die Straße, aber mit etwas mehr Luftdruck liegt die 690 recht sicher und bleibt sauber in der Spur, ohne Nervös zu wirken. Es bleibt ja auch noch die Möglichkeit, in wenigen Minuten das komplette Setup des Fahrwerks auf den ebenen Untergrund einzustellen.  Auf Asphalt stellen wir das Mapping wieder auf volle Pulle. Das steigert spürbar den Fahrspaß. Hier können auch die Bremsen zeigen was sie drauf haben. Fein dosierbar greifen die Brembo-Zangen mit Biss in die Scheiben. Selbst die einzelne Scheibe an der Hinterachse benötigt nur ein Antippen des Fußbremshebels um sofort größtmögliche Verzögerung zu erzeugen. So müssen Bremsen an einem Quad sein. Hervorragend. Beim harten Anbremsen macht sich auch der Einsatz der Anti-Hopping-Kupplung bezahlt. Kein Stempeln oder verschlucken bis fast zum Stillstand. Irgendwann muss man den Kupplungshebel aber doch ziehen um den Motor nicht abzuwürgen. Durch die derzeitige Zulassung als VKP wird dem Quad natürlich gerade auf der Straße viel Potenzial genommen. E.-ATV arbeitet aber bereits an einer LoF Zulassung, die mit Erscheinen dieser Ausgabe vielleicht schon Standard sein könnte. Der 2-Personen-Betrieb ist möglich, aber nicht zu empfehlen. Der Beifahrer sollte etwas Leidensfähigkeit mitbringen, die Sitzbank ist hart, die Füße finden wenig sicheren Halt. Haltegriffe gibt’s auch nicht.

Lückenschluss

Die 690er Enduro positioniert sich strategisch günstig zwischen der 530 EXC-R und der mächtigen 990 Adventure. Im Privatkundenbereich werden sich am ehesten Touren- und Langstreckenfahrer mit Geländeambitionen mit der Enduro anfreunden. Ganz sicher wird sie aber viele Semi- und Profirennfahrer ansprechen. Das E.-ATV Racing Team wird das neue Modell sicher in der kommenden Saison einsetzen. Dann wird sich zeigen, was wirklich drin steckt. Clemens Eicker ist aber sehr zuversichtlich, das auch die 690er Enduro die Erwartungen an eine E.-ATV voll erfüllt.

 

 

Text und Fotos: Frank Meyer

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