Quad-Klassiker

SMC 150/170 – Das Volks-Quad

Vor rund 10 Jahren ging’s los. Wie Pilze aus dem Boden schießen, so tauchte überall eine 150er SMC auf. Ein Quad das nahezu einen Kaufrausch auslöste. So trug eine kleine Maschine bei zum Boom der Vierräder Anfang des Jahrtausends.

Plötzlich waren sie da! Im Baumarkt, beim Fahrradhändler, im Motorradladen, im Internet, im Versandhauskatalog, bei sämtlichen Quad-Händlern… überall begegnete einem die 150er SMC.

Der Quad-Boom stand kurz bevor. Immer mehr Menschen interessierten sich um die Jahrtausendwende für Quads und ATVs. Bis dato waren es nicht ganz so viele. Doch von den USA schwappte die Welle der Begeisterung über nach Europa und Deutschland. Von diesem Kuchen wollten die Taiwanesen ein Stück abhaben. Und so entwarf man bei SMC das RAM genannte Quad, welches unter dem Namen Kasea als erstes auftauchte.

Spätestens seit dem großen Erfolg von Kymco in Europa wissen wir, das zwischen China und Taiwan wesentlich mehr liegt, als die läppischen 100 Kilometer Meerwasser. Die Insulaner wussten bereits früh, dass man im Westen nur mit Qualität punkten kann. Eine andere taiwanesische Company war allerdings wesentlich stärker am europäischen Quad-Boom beteiligt, die Standard Motor Corporation, deren Fahrzeuge heute jedem Quadfan als SMC ein Begriff sind. Die erst 1993 gegründete Firma hat bereits ein Jahr später den deutschen Markt entdeckt und uns mit Rollern der Marke „Kreidler“ beglückt. Die Namensrechte haben die Asiaten sich irgendwann mal für kleines Geld erkauft. Im Jahr 2000 war es dann soweit, das erste Vierrad wurde entwickelt und produziert. Das 150 ccm Quad sollte vor allem den amerikanischen Freizeitmarkt bedienen. Schnell merkte man aber, dass auch die Europäer nach günstigen Vierrädern verrückt sind. Das war der Beginn einer Verkaufsstrategie, die man kaum nachvollziehen kann. Die SMC Quads wurden auf den deutschen Markt gespült, waren dabei aber selten als SMC zu erkennen. Zumindest nicht an den unzähligen Namen, die die Importeure den Fahrzeugen gaben. Skyhawk, Kasea, Barossa, Kreidler, das sind nur einige davon. Richtig verwirrend waren dann auch die jeweils unterschiedlichen Modellbezeichnungen, wie Stinger, Tomahawk, Ram, Rex usw. Als kurz darauf dann auch noch die 170er Modelle nachgeschoben wurden, war die Verwirrung komplett. Nichtsdestotrotz, die SMC Quads waren gefragt. Das hatte es so bisher noch nicht gegeben: Ein bezahlbares Freizeitvehikel mit akzeptabler Qualität und sportlichem Charakter, da konnte man eigentlich kaum noch dran vorbei gehen. Auch die Quadwelt-Testcrew hatte das ein oder andere Mal das Vergnügen, die Fähigkeiten dieses damaligen Preisbrechers auszuloten. Wir erinnern uns an das Jahr 2002…

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Eine Perle aus Fernost

Ein sportliches kleines Quad, welches unweigerlich an eine Yamaha Blaster mit neuen Kunststoffteilen erinnert stand damals auf dem Hof. Alle Anbauteile harmonierten, keine störenden Schalter, die nachträglich montiert wurden. Die vorderen Blinker stoßen allerdings mit der Bereifung zusammen. Schon im Stand wunderten wir uns: das kann nicht klappen! Warum beim Hunter – Achtung, schon wieder ein anderer Name!! – nicht die gleiche Position für die Blinker gewählt wurde, wie bei den anderen Marken aus dem Hause SMC, ist nicht nachvollziehbar. Dafür finden wir solide Kunststoffteile. Allerdings schützten die unseren testfahrer nicht sonderlich vor Dreck und Nässe. Der Rahmen dürfte etwas dicker lackiert sein. An der Ausstattung hatte der Hersteller nicht gespart: es war wirklich alles dran, was den Fahrspaß fördert. Der Tacho funktioniert elektronisch, log bei unserer Testmaschine allerdings wie Münchhausen in seinen besten Tagen. Bei Ortsdurchfahrten zeigte die Uhr gerne mal 166 oder 199 km/h an. Bei Geschwindigkeiten um die 60 beruhigte sich das Messwerk dann wieder und besann sich auf korrekte Werte. Einen Kickstarter sucht man vergebens, allerdings konnte man den kleinen Motor auch gut anschieben im Notfall. Jedoch sprang der kleine Viertakter, der äußerlich einem Honda-Motor ähnelt, innerlich aber eine prähistorische Ventilsteuerung mittels Stößelstangen aufweist, in unserem Testbetrieb immer problemlos an. Die Schaltwege sehr kurz, aber nicht ganz präzise.

Fahren mit 150 ccm

Wie sieht’s im Fahrbetrieb aus? Das Quad wirkt größer als es ist. Personen über 170 cm werden sich etwas „eingeklemmt“ zwischen den Kotflügeln fühlen. Warum Quads aus Taiwan seinerzeit stets kleiner ausfielen, als die der Konkurrenz war auch bei Konfuzius nicht nachzuschlagen. Die Fußrastenanlage ist, trotz Zweimann-Zulassung, auf keinen Fall für den Soziusbetrieb ausgelegt. Die Sitzhaltung ist sportlich/aufrecht. Wie erwähnt springt der Motor ohne zu murren an, ob kalt oder sogar heiß. Er ist bei jeder Drehzahl angenehm laufruhig, Vibrationen sind sehr gering. Die Lautstärke der Auspuffanlage ist angenehm leise. Ohne große Handkraft lässt sich die Kupplung bedienen, welche stets anstandslos trennt. Bei normalem Untergrund zieht der Motor von Anfang an sauber durch. Nur untertourige Drehzahlen bzw. Drehzahlorgien mag das Aggregat überhaupt nicht. Eine Drehunwilligkeit, direktes Resultat des Verzichts auf die Honda-typische obenliegende Nockenwelle. Derart ausgestattet erreichen die japanischen Drehorgeln problemlos Dauerdrehzahlen weit jenseits der 10.000er Marke. Von der Beschleunigung durften die Quadneulinge zu viel erwarten. Der kleine Motor war Fahrern über 75 Kilo überfordert. Wenn der Untergrund etwas tiefer oder weicher wird, stieß man bald an die Grenzen. Dort helfen nämlich auch keine Drehzahlen weiter. Hier gilt er wieder, der alte Satz: „Hubraum ist durch nichts zu ersetzen, es sei denn durch noch mehr Hubraum!“ Das kleine und leichte Fahrwerk macht wirklich Spaß! Es ist extrem handlich und verhält sich immer berechenbar. Feldwege und winklige Pfade sind beherrschbares Terrain. Für den Moto-Cross-Einsatz eignet sich das Quad nur bedingt. Allerdings passt für die Kids zwischen neun und 16 das Fahrwerk und die Leistung. Im Jugend-Quad-Cross werden die SMC-Fahrzeuge nahezu ohne Veränderung durchs Gelände gescheucht. Die Bremsen hinterlassen einen zwiespältigen Eindruck: Hinten „hui“, vorne „pfui“. Stahlflexleitung und gelochte Bremsscheibe mit großem Bremssattel verzögern am Heck. Die Beläge haben aber schnell ihren Dienst quittiert. Die vorderen Trommeln haben zwar gebremst, dies aber nicht überragend.

„Darf’s etwas mehr sein?“

Kaum ein Jahr später hatten wir dann auch ausführlich Gelegenheit, das Update-Modell, die 170er SMC durchs Gelände zu treiben. In diesem Fall war es eine Kreidler Mustang. Das war unser Eindruck der aufgemotzten Maschine. Mit 170 Kubik und neuem Design wollte Kreidler mit der Mustang den Einsteiger-Markt erobern. Die Mustang kam auf straßentauglicher Bereifung daher. Die Kotflügel wurden vorne direkt über den Rädern angebracht. Die Optik im Bereich des Tanks mit Stummel-Kotflügeln aufgepeppt. Erfreulich, denn der Fahrer bleibt jetzt erheblich sauberer als in der ursprünglichen Version. Dem Motor sieht man äußerlich die Veränderung nicht an. Fahrwerk, Größe und Ausstattung blieben auch gleich. Flotte Fahrweise verlangt mit 170 Kubik ordentliche Schaltarbeit. Der Motor mag keine niedrigen Drehzahlen. Es darf ruhig nachdrücklich das Daumengas bedient werden. Drehzahlorgien erschienen für die gesteigerte Version aber dennoch nicht empfehlenswert. Straße und leichtes Gelände stellen das Quad nicht vor nennenswerte Probleme. Bei zirka 85km/h ist Schicht. Mehr geht nicht und wer mehr verlangt, der provoziert die beschriebenen Drehzahlorgien und pustet damit seinem Triebwerk auf längere Sicht die Zündkerze aus. Man hatte halt kein Renn-Quad erworben. Die Fahrt zur Arbeit, der tägliche Spaß in der Freizeit, problemlose Handhabung, das sind die Stärken. Sie will keine Schau machen, sondern eher ein guter Kumpel in vielen Lebenslagen sein. Gesetzeskonform bot die Mustang ein Integralbremssystem. Ausgelöst wird die Integralbremsung mittels Fußhebel der Hinterradbremse. Zur Unterstützung der gewünschten Verzögerung ist gleichzeitige Betätigung des rechten Handbremshebels ratsam. Die Kette längt sich ungewöhnlich rasch und auch konsequentes, häufiges Nachjustieren konnte den Verschleißvorgang nicht erheblich verlangsamen.

Als Gebrauchte aktuell

Die Lust auf mehr hat uns SMC kurz darauf mit dem ersten in Taiwan produzierten 250 ccm Quad gemacht. Doch das ist eine ganz andere Geschichte, die wir sicher auch noch durchleuchten. Auf der Straße sieht man die ersten SMC Modelle heute eher selten. Was aber nicht bedeuten muss, dass die auf dem Schrottplatz gelandet sind. Vielmehr haben die unkomplizierten Flitzer dem Jugend-Quadsport Flügel verliehen. Viele angehende Racer haben Ihre ersten Erfahrungen mit einer SMC auf der Cross-Strecke gemacht. Der Papa konnte so ein Quad für günstiges Geld als gute Gebrauchte erstehen. Die Technik stellt auch die Jüngsten nicht vor Probleme. Zu Anfang dieses Jahrtausends waren die Taiwan-Quads echte Preisbrecher und haben damit erheblich zum Boom beigetragen. Unter heutigen Gesichtspunkten wird eine SMC 150/170 den gewachsenen Ansprüchen in der Quadszene nicht mehr gerecht. Beim heutigen offiziellen SMC-Importeur Herter finden sich die beiden Modelle auch nicht mehr im Programm. Das heißt aber nicht, das die kleinen Modelle nicht mehr zu haben sind. Nach wie vor tauchen die Einzylinder unter diversen Namen auf, heute allerdings zu weit geringeren Einstiegspreisen. In den Jahren wurden die Modelle auch immer mal wieder technisch verbessert. So verfügt die SMC aktuell über ein 5-Gang Getriebe und einen Rückwärtsgang. Und die leidigen Trommelbremsen wurden auch schon lange gegen Scheibenbremsen getauscht. Wer eine gute Gebrauchte sucht, wird schon für unter 1.000 Euro fündig. Als Einstiegsquad für den angehenden Quadfahrer-Nachwuchs ist die SMC auch heute noch eine exzellente Wahl. Viele aktuelle „China-Böller“ können dem Kollegen aus Taiwan jedenfalls bis heute nicht das Wasser reichen.

SMC ist längst zu einem Big-Player geworden, dessen Modelpalette stets aktuell ist und kaum Wünsche offen lässt. Vom Einsteiger-Quad bis zum Big-Bore-ATV hält Importeur Herter interessante Fahrzeuge bereit.

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