Klassik Test: Easy Livin´

Wer sich auf Anhieb an den Song der Kultband Uriah Heep aus den frühen Siebzigern erinnert, gehört heute zur Zielgruppe der Trike-Schmiede Rewaco in Lindlar.

Dabei haben die Dreiräder von heute fast nichts mehr mit den Käfermotor-Modellen der seligen Hippie-Zeit gemeinsam. Aber das Gefühl des leichten Lebens vermitteln die extravaganten Fahrzeuge noch genau so wie damals. Nur mit mehr Power und Speed.

Dynamisches Trio: Katrin, Thomas und die RT, immer da wenn´s Spaß machen soll.

Man mag es kaum glauben, aber die klassischen Trikes haben eine wesentlich längere Historie als unsere vierrädrigen Schätzchen. Dabei war und ist der Grund für die Beliebtheit der Gleiche. Freude und Spaß am Fahren, Begeisterung für die Technik und nicht zuletzt auch ein wenig Drang nach Individualismus. Customizing ist von jeher eine Domäne der Triker-Szene, kaum ein Dreirad gleicht einem anderen. Trike-Hersteller Rewaco macht es den Kunden in Bezug auf Individualisierung dabei besonders leicht. Oder auch schwer, denn die Möglichkeiten sein Traumfahrzeug ab Werk zu ordern scheinen fast unbegrenzt. Sei es Ausstattung oder Farbgebung, die Kombinationsmöglichkeiten sind enorm vielfältig. Seit einiger Zeit bietet Rewaco den potenziellen Kunden auch Modelle mit Automatikgetrieben an, die das ohnehin schon einfache Fahren eines modernen Trikes noch einmal erheblich erleichtert. Wir konnten eines der neuen Automatik-Trikes schon mal ausführlich zur Saisoneröffnung ausführen.

Easy Drive

So bezeichnet Rewaco die Modelle mit Automatikgetriebe. Ob denen auch der Song von Uriah Heep im Kopf rumgeschwirrt ist, wir wissen es nicht. Die genaue Modellbezeichnung unseres Testfahrzeugs ist dann auch schon wieder etwas sachlicher. RF1 LT-2, bezeichnet die Modellreihe und gibt Aufschluss über Ausstattung, Motorisierung und Sitzplatzanzahl. Die als „Style“ bezeichnete Ausstattungsvariante gibt Aufschluss über Bereifung und Felgen sowie vieler kleiner Details. Wir dürfen also einen Zweisitzer mit Automatikgetriebe, einem Zweiliter-Vierzylinder Motor und erweitertem Stauvolumen in Form von zusätzlichen Helmkoffern zu einer sehr frühen Ausfahrt im noch kühlen Februar entführen. Da es bekanntlich kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur falsche Kleidung, sehen wir die knapp fünf Grad Lufttemperatur als akzeptabel. Also Platz genommen und erst mal die echt coole Sitzhaltung sacken lassen. So muss sich Peter Fonda im Film „Easy Rider“ gefühlt haben. Die Arme müssen schon ziemlich weit nach oben, aber ungemütlich ist das nicht. Die Füße finden irgendwie automatisch ihren Platz auf dem Trägerrahmen.

Erst mal mit der Technik vertraut machen. OK, viel ist da ja nicht. Ein Drehgasgriff, ein Fußbremshebel, Blinkerschalter, Zündschloss. Mehr braucht es nicht zum Glücklich sein. Der mittig in der Tankattrappe platzierte Gangwahlhebel für das Automatikgetriebe ist präsent und dominiert die Optik. Darüber und daneben finden sich diverse Rundinstrumente, die bis auf den Kilometerzähler alle klassisch analog anzeigen. Das passt stilistisch hervorragend zum Gesamtkonzept und wirkt sehr edel. Genau so edel sehen die Sitzbezüge aus wetterfestem Kunstleder mit gestickten Schriftzügen aus. Die insgesamt sechs Frontscheinwerfer machen was her, die Nacht zum Tag machen sie aber nicht. Ansonsten strotzt die LT-2 nur so vor Chrom, das auch fast ausschließlich auf Metall und nicht auf schnöde Plastikteile aufgebracht wurde. Ebenso besteht die Verkleidung aus GFK und ist aufwendig lackiert. In Bezug auf Farbauswahl und Kombinationsmöglichkeiten bietet Rewaco eine Palette, die ein Großserienhersteller kaum umsetzen könnte. Das Champagner-Metallic unseres Testfahrzeugs ist auch eher nicht alltäglich. Zur LT-Ausstattung gehören neben dem großen Kofferraum im Heck auch noch zwei Helmfächer, die gleichzeitig als Armauflagen für den Passagier dienen. Apropos Passagier, beim Fahren macht es keinen Unterschied, ob auf dem hinteren Sitz jemand mitfährt oder nicht. Am leichten Handling ändert sich durch das zusätzliche Gewicht so gut wie nichts. Zumindest bestätigt das unser Testfahrer Thomas. Und seine Freundin Katrin als Zusatzgewicht zu bezeichnen, das würde ihr sowieso nicht gerecht werden.

Freude am Fahren: Ein nicht alltägliches Erlebnis für unsere Testfahrer, das die beiden im Sommer gern noch mal wiederholen würden.

Mit Links

So sagt man, wenn etwas besonders leicht von der Hand geht. Im Fall der RF1 LT-2 stimmt das auf jeden Fall. Mit links bedient man den Blinkerschalter, sonst nichts. Mit rechts wird gebremst und Gas gegeben. Auch keine große Anforderung. Testfahrer Thomas kommt trotz jugendlichem Alter (oder gerade deswegen?) auf Anhieb mit dem Trike zurecht. Angst? Nö. Respekt? Ja, nachdem er erfahren hat, welchen Wert er hier unter dem Hintern hat. Das Testfahrzeug in dieser Konfiguration bringt es immerhin auf fast 40.000 Euro. Aber so wenig wie Katrin und Thomas unseren eingangs erwähnten Hit aus den frühen 70ern kennen, so wenig sind die beiden Abiturienten das übliche Klientel bei Rewaco. Geschäftsführer Harald Schmitz macht daraus keinen Hehl. „Üblicherweise ist unser Durchschnittskunde männlich, um die 50 und familiär gefestigt. Das heißt, die Kinder sind aus dem Haus und man möchte sich nicht damit abfinden, vom eigenen Nachwuchs schon aufs Abstellgleis gestellt zu werden. Der typische Triker ist also eher gut situiert und verfügt über einen guten Bildungsgrad“. Insofern, wenn unsere Testfahrer also mal noch ein paar Jährchen richtig ranklotzen, sollte der Traum vom eigenen Trike auch in Erfüllung gehen. Auch wenn Thomas jetzt noch einem Sportquad den Vorzug geben würde. Katrin ist aber hin und weg vom Trike. „Das Teil sieht voll cool aus und ich sitze da hinten wie auf einem Thron. Voll lässig und sehr bequem. Schade das es noch so kalt war, im Sommer könnte ich mich daran gewöhnen, so chauffiert zu werden. Ich fahre zwar auch gern auf dem Quad mit, aber da hab ich immer etwas Angst.“ Die braucht man auf dem Trike wirklich nicht zu haben. Auch wenn man es nicht glaubt, das Fahrzeug lässt sich mit enorm hohem Speed in jede Kurve werfen. Abhebende Räder? Fehlanzeige. Wie an der Schnur gezogen folgt das Dreirad der anvisierten Spur. Auch ein Lenkwiederstand wie bei einem Quad ist kaum vorhanden.

Fast wie bei einem Motorrad genügt eigentlich schon ein kleiner Druckimpuls um das Trike in jeden Kurvenradius zu bringen. Unser Testmodell verfügt über eine Rennsportbremsanlage, die aus dem umfangreichen Zubehörsortiment geordert werden kann. Die Bremse macht ihrem Namen alle Ehre. Zwar ist der Fußbremshebel etwas gewöhnungsbedürftig, die Scheibenbremsen sind aber fein dosierbar und falls nötig brachial in ihrer Wirkung. Die immerhin 660 Kilogramm Leergewicht sind schon eine Hausmarke. Laut Hersteller rennt die LT mit Automatikgetriebe 190 km/h. Wir belassen es bei unseren Testfahrten bei 150 km/h, ab da wird auch der Winddruck schon heftig und wie gesagt, so richtig warm ist es Ende Februar auch nicht. Reicht aber völlig, zumal das Trike ohnehin viel besser zum Cruisen geeignet ist. Ähnlich wie bei einem Ami-Pickup schalten die vier Stufen des Automatikgetriebes ohne hohe Drehzahlen schnell in den höchsten Gang. Fahrdynamisch vielleicht nicht so ideal, aber man ist stets souverän unterwegs. Für sportlichere Fahrer lässt sich das Getriebe per Knopfdruck anpassen, die Schaltdrehzahl wird jeweils um ein paar hundert Umdrehungen nach hinten verschoben. Auf Dauer macht sich das aber auch beim Spritkonsum bemerkbar, der ansonsten mit rund 8,00 Litern auf 100 Kilometer recht moderat ausfällt.

Ganz ehrlich

Trike fahren ist leider geil! Wir haben lediglich die im Zubehörkatalog aufgeführte Musikanlage mit Lautsprechersystem vermisst, denn mit den Hits von Uriah Heep im Ohr wäre der Fahrgenuss perfekt gewesen. Eingefleischte Quadfreunde werden uns vielleicht vorwerfen, dass wir in den letzten Jahren immer wieder mal so ein „radamputiertes Vehikel“ in der Quadwelt präsentieren. Wir können nur entgegnen, wer die Gelegenheit hat sollte einfach mal über seinen Schatten springen und bei einem der Händler eine Probefahrt machen, oder besser, für ein Wochenende mieten. Wir versprechen, das weckt Begehrlichkeiten. Und wer weiß, vielleicht sind ja auch Eure Kids bald aus dem Gröbsten raus. Überschüssiges Bargeld auf Konten zu deponieren ist gerade auch nicht so angesagt. Rewaco macht den Fahrspaß aber mit speziellen Finanzierungsangeboten auch für den Normalsterblichen möglich. Wer es auch nicht ganz so üppig braucht, der Einstieg in die Trike-Welt beginnt schon bei unter 22.000 Euro.

Fetter Hintern: Auch wenn die Spurbreite an der Hinterachse jedem Sportwagen zu Ehre gereicht, die Wendigkeit ist sehr ausgeprägt.

 

Technische Daten Rewaco RF1 LT-2

Motor: Vierzylinder 4-Takt von Peugeot

Hubraum: 1997 ccm

Leistung: 103 kW, 140 PS

Kraftstoffversorgung: Einspritzung

Startsystem: Elektrisch

Getriebe: 4-Gang Automatik

Antrieb: Kardan

Radaufhängung: vorn Trapezlenkgabel mit Zentralfederelement, hinten Einzelradaufhängung mit Bilstein Gasdruckdämpfer

Bremsen: vorn 1 hydraulische Scheibenbremse, hinten 2 hydraulische Scheibenbremsen

Reifen: vorn 180/55 ZR17, hinten 255/45 ZR 17

Maße LxBxH: 3560 x 1870 x 1060 mm

Gewicht: 660 kg trocken

Tankinhalt: 40,0 Liter

Farben: auf Wunsch

Preis: ab 32.690,00 € (Testmodell: 39.935,00 €)

 

www.rewaco.de

 

Text und Fotos: Frank Meyer

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