Zwei für Vier

Fette ATV sind gerade angesagt. Die SUV unter den ATV zeichnen sich insbesondere durch schiere Größe aus. Wir haben zwei aktuelle Flaggschiffe chinesischer Anbieter miteinander verglichen und dabei festgestellt, dass Fernost gar nicht mehr so weit weg ist

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Zwei mit Wumms: Die beiden Chinesen sind motorseitig gut aufgestellt.

Fette ATV sind gerade angesagt. Die SUV unter den ATV zeichnen sich insbesondere durch schiere Größe aus. „Bigger is better“, so hat es den Anschein. Auf der anderen Seite hat der durchschnittlich interessierte Kunde aber auch mittlerweile einen Anspruch auf bezahlbare Fahrzeuge  entwickelt. Dem kommen aktuell vor allem die chinesischen Hersteller nach, ohne dabei den ebenfalls hohen Qualitätsanspruch der europäischen und Käufern aus Übersee außer Acht zu lassen, wie in den vergangenen Jahren leider allzu häufig geschehen. Wir haben zwei aktuelle Flaggschiffe chinesischer Anbieter miteinander verglichen und dabei festgestellt, dass Fernost gar nicht mehr so weit weg ist.

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Chefsache: Nachwuchsförderung hat auch mitten in der Fotosession immer Vorrang.

Beziehungsfördernd

Bei unseren Testmodellen handelt es sich zum Einen um die Hisun 800 V2 EFI EPS, zum Anderen um die CF Moto CForce 800 V2 EFI 4×4. Zwei echt große Kaliber, weil jeweils mit langem Radstand ausgestattet und damit auch explizit für den Zweipersonenbetrieb besonders geeignet und entsprechend ausgerüstet.  Dazu gehören bei beiden erhöhte Plattformen für die Füße, breite Handgriffe und eine Rückenlehne für den besonderen Komfort des Passagiers.  Weitere Gemeinsamkeiten in Bezug auf Ausstattung finden sich in den vorderen und hinteren Gepäckbrücken, Anhängezugvorrichtung am Heck und eine elektrische Seilwinde an der Fahrzeugfront.

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Im Fokus: Dem direkten Vergleich stellen sich die ATVs von Hisun und CF Moto.

Ebenfalls serienmäßig verfügen beide Modelle über Handprotektoren.  Naturgemäß hören damit die Gemeinsamkeiten nicht auf, allerdings erwartet man die technische Ausstattung bei ATVs in dieser Klasse als selbstverständlich und Standard. Dazu gehören antriebsseitig ein zuschaltbarer Allrad und ein sperrbares Differenzial an der Vorderachse.

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Stehen gut da: Hisun und CF Moto haben insbesondere bei Verarbeitung und Qualitätsanmutung kräftig zugelegt.

 

Wobei Hisun auf eine Parkstellung im Getriebe verzichtet. Dafür sucht man an der technisch sonst gut ausgestatteten CF Moto eine elektrische Lenkunterstützung vergeblich.  Bei den Motoren setzen beide Hersteller auf  V2-Power mit rund 800 Kubikzentimetern Hubraum. Die CForce hat dabei mit gut 48 kW (65,2 PS) gegenüber der Hisun mit 41 kW (54,9 PS) die Nase leistungstechnisch vorn.

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Grundsätzlich egal: Die beiden Testfahrzeuge können Gelände genau so gut wie Straße. Ideale Tourer eben.

In Punkto Fahrwerk findet sich an der Hisun an der Vorderachse eine McPherson-Aufhängung und hinten eine zweiteilige Schwinge,  wobei die CF Moto rundum auf doppelte A-Arms und einstellbare Federdämpfer setzt.

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Ziemlich flott: Beide Chinesen beherrschen den Sprint ebenso wie die Langstrecke.

Hisun VS 800 EFI EPS

Die Hisun ist bei uns einige Monate im Dauerbetrieb gelaufen und hat sich bei vielen Gelegenheiten bewähren müssen. 800 Kubik aus zwei Zylindern in V-Bauweise mit elektronischer Einspritzung und Lenkhilfe. Komplett – und das ausgerechnet von Hisun, die damit in die Phalanx der Zweizylinder von den sogenannten Premiumherstellern einbrechen. Als zweiter chinesischer Produzent nach CF-Moto. Doch die Liste erschöpft sich nicht bei den gerade beschriebenen Merkmalen. An unserem Testmodell finden wir viele nette Details, die den ATV-Fahrer verwöhnen. Zu einem gewissen Standard gehört inzwischen eine Seilwinde.

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In diesem Punkt lässt sich auch Hisun nicht lumpen und liefert eine solche mit rund 1.000 Kilogramm Zuglast und Fernbedienung. Mit dem ATV zusammen bekommt man auch den Edelstahl-Endtopf und die 14-Zoll-Alufelgen. In Sachen Zuverlässigkeit und Qualitätssteigerung lassen sich die Chinesen ein kanadisches CVT-Getriebe liefern. Die gesamte Baugruppe stammt vom bewährten Ausrüster CV-Tech Clutch und wird an den eigenproduzierten Motor angeflanscht. Zwecks Fortbewegungsmöglichkeiten im Gelände stehen die üblichen, elektronisch zuschaltbaren Optionen zur Verfügung. Vom Allrad über die Differentialsperre bis hin zur Untersetzung des Getriebes.

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Die Gepäckträger schaffen vorne 20 und hinten 35 Kilogramm. Kein Spitzenwert, den allerdings die Anhängelast von 940 Kilo gebremst locker wettmacht. Klasse ist auch das Platzangebot für Fahrer und Beifahrer. Zwei ausgewachsene Mitteleuropäer können sich äußerst bequem fortbewegen. Sitzposition und Bewegungsfreiheit sind topp, die standardisierten Bedienelemente sind gut erreichbar. Abgestützt auf McPherson Federelemente vorne ergibt sich eine gute Bodenfreiheit. Hinten sorgt eine Einzelradaufhängung für die Geländegängigkeit, welche an jeder Seite statt A-Arms eine Schwinge aufweisen. Ein System, wie wir es auch an dem 900er RZR von Polaris finden. Das ergibt insgesamt mehr Stabilität und weniger Knickneigung in Kurven. Dazu nimmt man in Kauf, dass sich das Fahrzeug etwas geringer verwindet.

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Die Kunststoffteile wirken etwas verbaut und wir haben im Dauerbetrieb feststellen müssen, dass bestimmte Wartungsarbeiten länger dauern als gewohnt. Die Demontage von Verkleidungsteilen gestaltet sich teilweise etwas verzwickt. Der Zweizylinder blubbert dumpf vor sich hin, nachdem er ohne Probleme zur Arbeitsaufnahme animiert wurde. Als unvorteilhaft erweist sich die Position des Wahlschalters für das Getriebe. Ist der Lenker auch nur leicht eingeschlagen, ist er im Weg. Etwas lästig beim Rangieren.

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Versöhnung mit diesem Umstand bringt die tadellose Funktion und exakte Bedienbarkeit der Schaltkulisse. Druck auf’s Daumengas. Wow – der geht! Der Hisun-Motor lässt keine Zweifel aufkommen, dass er über voluminösen Hubraum verfügt. Die knapp 55 Pferde machen einen munteren Eindruck. Aus dem tiefsten Drehzahlkeller schiebt das ATV kraftvoll voran. Egal ob allein oder zu zweit besetzt, es geht vorwärts. Auf der Straße gibt sich der Ausflugsdampfer keine Blöße. Mit der beschriebenen Kraftentfaltung und dem Komfort lassen sich auch längere Etappen gut bewältigen. Mit einem Zweizylinder fährt es sich auf Asphalt ohnehin entspannter und weniger aufgeregt als mit einem Eintopf. Fahrwerkstechnisch zieht das Gefährt seine Bahn und ist präzise steuerbar.

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Wir lassen’s laufen, bis wir in einen Wirtschaftsweg einbiegen. Bei gesteigertem Tempo wechselt der Untergrund, was dem ATV kaum anzumerken ist. Mehr Schwierigkeiten macht es uns auf einer Weide. Die Serienbereifung von „Wanda“ verliert hier schnell den Gripp. Nicht so auf Waldboden oder im weichen Morast. Die scharfen Kanten der neuen Pellen ackern sich irgendwie da durch. Apropos ackern: Arbeiten soll man ja bisweilen mit einem ATV auch können. Zumindest kennen wir Zeitgenossen, die ihres gelegentlich oder gar ausschließlich dazu verwenden. Für den letztgenannten Personenkreis ist die Hisun nicht empfehlenswert, da die Tugenden und die Ausstattung eindeutig auf einen Freizeitgebrauch hindeuten.

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Bei gemäßigtem Tempo hilft das das EPS mit dezenter Unterstützung. Selbiges ist auch im Gehölze eine gute Hilfe beim Fahren mit dem langen Vehikel. Denn hier und da, wenn es recht dick – sprich eng wird – erfordert die lange Maschine schon erhöhten Körpereinsatz. Der Tribut an die Langversion. Damit sei aber keinesfalls gesagt, dass die Hisun wenig geländetauglich ist. Im Gegenteil, eine starke Motorbremse und zuverlässige Scheibenbremsen geben viel Sicherheit und bieten Reserven. Ordentlich arbeiten die Stoßdämpfer.

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CF Moto CForce 800 V2 EFI 4×4

Die Marke hat sich in den letzten Jahren erstaunlich entwickelt. Damals schickten die Chinesen eine 500er mit Allrad und akzeptabel ausgestattet ins Rennen. Vor allem der günstige Preis rückte das Fahrzeug in den Fokus so mancher Kaufinteressenten. Qualitativ war aber noch Luft nach oben. Nach der Einführung eines ATV mit 700 Kubik folgte wenig später die Vorstellung der damals noch als Terralander bezeichneten Zweizylinder-Maschine. CF Moto ist mittlerweile Motorenlieferant für verschiedene Hersteller von ATVs, das zeigt, dass die Qualität inzwischen auf einem hohen Niveau angelangt ist.

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Die heute als CForce 800 bekannte Maschine ist von den Dimensionen her eines der größten ATV auf dem Markt. Das mit dem V-Twin bestückte Chassis war zunächst auch nur in der langen Version erhältlich, was der starken Nachfrage nach tourentauglichen Modellen geschuldet ist. Eine einsitzige Kurzversion wurde erst später nachgeschoben. Wie erwähnt, die CForce ist gewaltig, was beim Aufsitzen nochmal extrem augenscheinlich wird. Die große Sitzfläche bietet viel Platz und für den Passagier hält die 800er ein extraweiches Sofaplätzchen mit Rückenlehne bereit.

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Der Motor startet unbeeindruckt von kühlen Außentemperaturen sofort, die Einspritzung regelt den Leerlauf vorbildlich. Die Mehrleistung im direkten Vergleich zur Hisun sind bei dem Gesamtgewicht von etwas mehr als 400 Kilogramm nötig, aber auch spürbar vorhanden. Die 65 Pferdchen reagieren prompt auf die Befehle eines erfahrenen Piloten. Das heißt also, Anfänger sollten sich an die schiere Größe und die potente Kraftentfaltung des Zweizylinders besser erst herantasten. Die CForce zeigt sich sehr agil im Gelände und verfügt über einen stabilen Geradeauslauf. Das ist allein schon bedingt durch den langen Radstand und der allseitig unabhängigen Radaufhängung.

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Der Tank sitzt hinten unter der Sitzbank, was sich zusätzlich für einen günstigen Schwerpunkt auswirkt. Der Ansaugtrakt liegt dafür sehr hoch und erlaubt damit tiefe Wasserdurchfahrten. In Trailpassagen hat der Fahrer aber ein hartes Stück Arbeit zu verrichten. Obwohl die Lenkung trotz der nicht vorhandenen elektrischen Lenkhilfe hervorragend reagiert, ein gewisser Kraftaufwand ist trotzdem nötig um möglichst enge Linien zu fahren. Ganz neu für das Modelljahr 2015 hat aber auch CF Moto reagiert und das Dickschiff mit einer EPS ausgestattet. Zum Zeitpunkt unseres Vergleichs war dieses Modell leider noch nicht verfügbar. Was die Lenkhilfe wirklich bringt, werden wir bei nächster Gelegenheit natürlich herausfinden.

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Problemlos in der Praxis zeigen sich Allrad und Differenzialsperre, die in Verbindung mit der griffigen Bereifung auf jedem Untergrund gut voran helfen. Die Reifen funktionieren trotz der groben Stollen auch auf der Straße hervorragend. Und wenn es mal richtig eng werden sollte, die serienmäßige Seilwinde ist bei den asiatischen Fahrzeugen in dieser Klasse ja schon fast obligatorisch. Wobei die hier verbaute, dem hohen Fahrzeuggewicht gut Paroli bieten kann. Das einstellbare Fahrwerk mit Gasdruckdämpfern ist für die meisten Einsatzgebiete als ausreichend zu bezeichnen.

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Bei Sprüngen kommt das Fahrwerk aber schnell an seine Grenzen. Die CForce ist mehr Tourer als Sportler. Ansonsten liest sich die Ausstattungsliste wie der Wunschzettel eines echten Offroad-Fans. Leichte, aber stabile Alufelgen, Beifahrersitzlehne, Handprotektoren, Anhängerkupplung, sowie ein kompletter Unterfahrschutz sind nur einige Merkmale, die dem potenziellen Kunden die Kaufentscheidung leichter machen können. Das sich die Chinesen bei CF Moto auch mal selbst echt Gedanken über technische Details und Design gemacht haben, zeigen ebenfalls viele Kleinigkeiten, die dem Fahrer aber die Fahrt wesentlich angenehmer machen.

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Neben der bereits erwähnt guten Ergonomie ist auch das LCD Display eine wahre Augenfreude. Alle Informationen werden gut ablesbar dargeboten. Die Schaltung flutscht wie auch bei der Hisun ganz geschmeidig von einer Stufe zur nächsten. Unter der vorderen Frontabdeckung finden sich die Batterie und der Kühlwasserstutzen, zu erreichen ohne Werkzeug. Das findet übrigens Platz in einem kleinen Staufach unterm Sitz. Der Tankstutzen findet sich am Heck unter einer kleinen Blende, Tanken ist hier auch bei voller Ausnutzung der Gepäckbrücken also kein Problem. Praxisgerecht sind auch die farblich abgesetzten Kotflügelverbreiterungen. Beim Nahkampf in der Waldpassage werden die wertig metallic-farbenen Verkleidungsteile vor Kratzern geschützt. Die Beleuchtungseinrichtungen sind dagegen nicht ganz so gut geschützt, aber das Design ist dafür wirklich gelungen.

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Warum nur?

Das leidige Thema bezüglich eines wichtigen Grundes für die Anschaffung eines ATV (meist gegenüber der eher logisch denkenden Frau oder Freundin) lässt sich mit unseren beiden Dickschiffen etwas einfacher begründen. Zunächst – die Ehefrau oder Freundin fährt  wie eine Königin auf dem Thron immer selbst mit, oder rnimmt auch selbst mal den Lenker in die Hände. Ein weiterer Pro-Punkt ist bei beiden Modellen der noch immer vergleichsweise günstige Preis.

Die Hisun kostet knapp 9.800 Euro, für die neue CF Moto mit EPS müssen immerhin auch schon fast 11.000 Euro über die Theke wandern. Von billig kann hier also in beiden Fällen nicht die Rede sein. Dennoch, im direkten Vergleich mit den Mitbewerbern stehen die Chinesen immer noch gut da, zumindest was den Preis angeht. Verarbeitungs-, sowie auch designtechnisch hat in unserem Vergleich die C-Force von CF Moto die Nase vorn. Der Wertigkeitseindruck ist gar nicht mehr so weit von den sogenannten Premiumherstellern entfernt.

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Pfiffige Detaillösungen und eine eigenständige Optik machen die 800er zum Sieger. Die Hisun ist durch und durch ein vollwertiges ATV, das allerdings noch ein wenig Feinschliff vertragen kann. Insbesondere bei der Optik könnten noch Akzente gesetzt werden. Ansonsten ist die Hisun gut ausgestattet und ein toller Allrounder. Seine Fähigkeiten hat das bullige ATV in einigen Monaten Betrieb in unserer Redaktion zu unserer Zufriedenheit gezeigt. Letztlich zählt wie immer der persönliche Geschmack.

Schöne Aussichten

Auch wenn uns für diesen Vergleich leider die aktuelle CF Moto CForce 800 mit EPS noch nicht zur Verfügung stand, haben wir trotzdem noch ein nettes Highlight parat. Zum Testzeitpunkt war die neue CF Moto CForce 550 EFI 4×4 gerade bei unserem Händler des Vertrauens (Kremsreiters Quad + ATV Ranch, www.zweirad-kremsreiter.de) eingetroffen, somit konnten wir uns exklusiv den ersten richtigen Fahreindruck verschaffen. Den Bericht findet Ihr in der neuen Quadwelt Ausgabe 03/2015, die ab dem 06. Mai 2015 im Handel ist.

 

Text: Ralf Wilke, Frank Meyer

Fotos: Frank Meyer

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