Mach 3

Zugegeben, Überschallgeschwindigkeit erreichen unsere beiden Testmodelle nicht ganz, aber die Beschreibung „Rakete“ kommt dem Fahrgefühl auf der Can Am Spyder und der GG Taurus schon sehr nahe.

Konzeptvergleich Can Am Spyder RS / GG Taurus

Rock n´ Roll im Dreivierteltakt, ein Erlebnis, das bleibende Eindrücke hinterlässt. Quadwelt lädt Euch ein zum Ritt auf der Kanonenkugel im Doppelpack.

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Es gibt Tage im Leben eines Redakteurs, die man ohne Umschweife als „erfüllt“ bezeichnen kann. Nicht nur, das uns Can Am zwei Spyder Modelle für ausführliche Testfahrten zur Verfügung stellt, nein, kurz darauf bekommen wir auch noch Besuch von Walter Grüter, Konstrukteur der exklusiven GG Quads. Er stellt uns kurzerhand die GG Quadster und die neueste Kreation, die GG Taurus auf den Hof. Das bringt uns in die glückliche Lage, zwei der außergewöhnlichsten Fahrmaschinen der Welt im direkten Vergleich zu betrachten. Dabei wollen wir keinen Sieger oder Verlierer ermitteln, dazu sind die beiden Dreiräder dann doch viel zu unterschiedlich. Auch die Konstruktionsansätze sind völlig verschieden, so dass wir die Vor- und Nachteile beider Fahrzeuge anhand der tatsächlichen Fahrleistungen bewerten.

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Bis drei zählen

Das bekommen wir gerade noch hin und in diesem speziellen Fall müssen wir auch nicht mehr. Drei Räder – eins zu viel, oder eins zu wenig? Motorradfahrer und eingefleischte Quadfreaks werden vielleicht darüber sinnieren. Für den Motorrad-Fan ein Rad zuviel, für den Quad-Fahrer eines zu wenig. Dabei hatten wir wohl fast alle als Kind ein Dreirad. Und so ist es letztlich schwer, sich der Faszination schneller Dreiräder zu entziehen. Can Am und GG liefern Stoff für Träume auf drei Rädern. So legen wir angesichts der vor uns stehenden Maschinen jegliche Vorbehalte ad acta, viel zu freudig fiebern wir der ausgedehnten Tour entlang der Mosel und den Seitentälern entgegen. Vorher steht aber der gewohnte Gang mit offenen Augen um die Fahrzeuge an, wie auch  beim Quad oder ATV gewohnt, auch mal auf allen Vieren. Los geht’s mit der Spyder.

Can-Am Spyder RS

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„Entdecke den Y-Faktor“, so einfach bringt Can Am die Werbung für den Spyder Roadster auf den Punkt. Tatsächlich erinnert die Geometrie des Fahrzeugs an eben diesen vorletzten Buchstaben im Alphabet. Dabei gibt es eigentlich von A wie Antrieb bis Z wie Zubehör noch viel mehr zu entdecken. Der Spyder ist optisch eine Mischung aus Quad, Schneemobil und Motorrad. Technisch hat Can Am das Beste aus allen Bereichen in das Dreirad gesteckt. Der so genannte SST-Rahmen bildet in Verbindung mit den vorderen doppelten Dreieckslenkern und einer hinteren Schwinge mit Zentralfederbein das Fahrwerk. Ein moderner EFI- Zweizylindermotor von Rotax mit 998 ccm Hubraum und einer Leistung von 79 kW (106 PS) sorgt in Verbindung mit einem manuellen 5-Gang Schaltgetriebe für Vortrieb.

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Dieser Motor treibt unter anderem auch die RSV Mille von Aprilia an, dort werden allerdings ganze 143 PS ans Hinterrad geschleudert. Optional gibt es übrigens auch ein sequentielles, elektronisches Getriebe, das per Knopfdruck am Lenker bedient wird. Ein Rückwärtsgang ist obligatorisch. Das Hinterrad wird über einen wartungsarmen Zahnriemen angetrieben. Die Drei Bremsscheiben werden integral ausschließlich per Fußpedal aktiviert und verfügen über ein Antiblockiersystem. Die Spyder Roadster ist vollgestopft mit elektronischen Systemen, die den Fahrer direkt und indirekt unterstützen. Das VSS (Vehicle Stability System) umfasst dabei eine elektronische Stabilitäts- und Traktionskontrolle, sowie das ABS.

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Eine dynamische Servolenkung verringert den Kraftaufwand beim Lenken. Ein elektronisches Diebstahlschutzsystem macht es Langfingern besonders schwer. Optisch gipfelt die ganze Elektronik im „multifunktionalen Informationscenter“, womit die Anzeigeninstrumente im Cockpit gemeint sind. Hier bleiben jedenfalls keine Wünsche offen, die Anzeigemöglichkeiten haben schon Unterhaltungswert. Noch bevor unsere kleine Testcrew auch nur einen Meter gefahren ist, erfreuen wir uns am perfekten Finish, an der qualitativen Anmutung und den vielen praktischen Detaillösungen, die die Spyder Roadster zu bieten hat.

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Seien es die in den Spiegeln integrierten Blinker, der wirklich gute Stauraum im vorderen Verkleidungsteil, die Feststellbremse am Fußpedal, der unter der Sitzbank versteckte Tankdeckel, die abgestufte bequeme Sitzbank, die ergonomisch guten Haltegriffe für den Sozius und nicht zuletzt die akzentuierte Lackierung begeistern einfach. Da wird der Einstiegspreis von 17.689,00 Euro quasi zur Nebensache.

GG Taurus

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Die GG Taurus, entwickelt und gebaut von Walter Grüter aus dem schweizerischen Ballwil, ist wie die Spyder in erster Linie ein dreirädriges Fahrzeug. Vorn zwei, hinten ein Rad und ein Motor mit manuellem Schaltgetriebe. So viel zu den Gemeinsamkeiten. Die bereits von GG´s Quadmodellen unverwechselbare Optik bestimmt auch die Formgebung bei der Taurus. Nicht verwunderlich, ist doch der Aufbau bis zur Fahrzeugmitte mit dem Quadster identisch. Die Frontverkleidung erinnert tatsächlich an einen gehörnten Stier, weshalb der Name Taurus passt wie die Faust aufs Auge. Ein Amerikaner würde den Namen vielleicht auch mit einem gleichnamigen Marschflugkörper in Verbindung bringen. Gar nicht so abwegig, was sich später auf unserer Tour noch bestätigen soll.

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Zumindest die Reichweite ist mit 350 km sehr ähnlich. Wie bei GG üblich, kommt auch in der Taurus ein BMW-Motor zum Einsatz. Der Reihenvierzylinder aus dem Modell K 1300 S leistet 175 PS und wurde komplett mit allen zugehörigen Aggregaten und dem 6-Gang Getriebe in das Dreirad übernommen. Lediglich der Endantrieb mit Einarmschwinge und Kardanwelle wurde von Walter Grüter komplett neu entwickelt, weil die Originalteile der enormen Belastung nicht standgehalten hätten. Selbstverständlich ist auch die gesamte Rahmen- und Fahrwerkskonstruktion ein Eigenbau von GG. Die meisten Teile fertigt GG übrigens in der eigenen Werkstatt, lediglich die Herstellung der Verkleidungsteile ist an einen Zulieferer vergeben. Das markante Stier-Logo ist nicht etwa ein Sticker-Kit. Nein, hier legt ein Designer Hand und Sprühpistole an, womit auch gleich klar ist, dass die Gestaltung auf Kundenwünsche reagieren kann.

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Über die Gesamtoptik der GG Taurus lässt sich sicher vortrefflich streiten, aber wo man auch hinschaut, man findet einfach keine Stelle, die zumindest verarbeitungstechnisch nicht entzückt. Die Präzision und Detailgenauigkeit unterstreicht den Schweizer Anspruch auf höchste Qualität. „Unsere Modelle kommen erst auf den Markt, wenn ich mich absolut damit identifizieren kann und jede erdenkliche Fahrsituation getestet ist.“ Rückrufaktionen könne und wolle man sich nicht leisten, so Walter Grüter, „der Garaus für einen kleinen Betrieb wie unseren. Daher lege ich höchsten Wert auf Qualitätskontrolle und Detailarbeit!“ Schweizer Präzision eben.

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Auf die Frage nach aktiven Fahrunterstützungssystemen verrät uns Walter Grüter folgendes: „Bei der Konstruktion habe ich ganz bewusst auf zu viel elektronische Helferlein verzichtet. Der Taurus verfügt weder über Traktions- noch sonstige Dynamiksysteme. Einzig eine programmierbare, elektrische Servolenkung kann auf Wunsch verbaut werden. In hunderten Konstruktions- und Fahrversuchen habe ich die bestmögliche Balance ermittelt, dabei hat mir natürlich auch die Erfahrung vom Bau des GG Quad und des Quadster sehr geholfen. Aber probiert es einfach selbst aus…!“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, schon gar nicht dreimal.

Stier mit drei Hörnern

Packen wir den Stier bei den Hörnern. Im Falle des GG also an den Lenkerenden. Ein Durchschnittseuropäer findet auf dem Taurus eine bequeme, aber sportliche Position. Für den 2-Personen-Betrieb sind längere Heckteile verfügbar, ebenso für großgewachsene Fahrer. Die Fahrerhaltung ist jeweils mit der auf einem rennmäßigen Motorrad vergleichbar. Lediglich die Beine sind doch etwas weiter gespreizt. Erwartungsvoll den Starter gedrückt und der 4-Zylinder schnurrt wie ein Kätzchen.

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Drehfreudig und direkt nimmt der Gas an und schiebt in einem langen ersten Gang vehement voran. Flott lassen sich die Gänge durchschalten, alternativ aber auch ausreizen. Das sonore Motorgeräusch und die Stabilität im Fahrbetrieb täuschen über das wahre Tempo leicht hinweg. Mittlere Drehzahl, sicheres Gefühl, alles paletti. Blick auf den Tacho: Schon 160 km/h auf der Uhr! Ooops!! Am Hahn gedreht, geht die Post ab! Bis zu 230 km/h schafft der flotte Dreier mit entsprechender Geräuschkulisse, erinnernd an einen F-1-Rennwagen. Und auch für die Fahrleistungen gilt der gleiche Perfektionismus, wie  bei der Herstellung. Das Teil läuft wie auf Schienen. Ob in der Kurve oder geradeaus: Im Fahrwerk herrscht Ruhe. Das liegt zum Einen an den Wilbers-Dämpfern, die für alle Lebenslagen anzupassen sind. Ob auf das Gewicht des Fahrers, als auch auf die bevorzugte Fahrweise.

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Präzise lässt sich der Stier steuern und geht willig in jede Kurve. Mit wenig Körpereinsatz und gut dosierbarem Gas mutieren die Serpentinen der Eifel zum geeigneten Spielfeld. Auf Geraden und bei Überholvorgängen kommt einem die Kraftentfaltung des „Big-Blocks“ zu Gute. Aber nie überfordernd, sondern kontrollierbar. „Das Lenkverhalten kann beeinflusst werden“, gibt Walter Grüter weitere Einblicke in die Ideen, welche am Taurus verwirklicht wurden. So empfiehlt er Anfänger-Toreros erst mal eine straffe Einstellung, um sich heranzutasten. Steigern kann man die Einstellungen bis ultraleicht, was höhere Kurvengeschwindigkeiten zulässt, aber mehr Erfahrung erfordert. „Später kann man gerne eine elektronische Lenkhilfe einbauen. Aber damit neigt mancher zum Übermut, so gut klappt das“, grinst der Konstrukteur schelmisch. Wir glauben ihm das gerne, denn schon in der „Anfängerstellung“ kommt tierisch viel Fahrspaß auf und das Vertrauen in die Maschine wächst mit jeder Kurve und pro Minute Fahrzeit.

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Besonders deutlich wird das bei Bremsmanövern. Beinahe auf den Punkt steht die Fuhre aus jeder gewählten Geschwindigkeit. Die Stopper packen’s an und sind zuverlässige Partner auch in schnellen Manövern. Grüter stellt die Bremsanlagen selber her. Jahrelange Erfahrung als Zulieferer für edle Motorradschmieden zahlen sich heute am Taurus aus. 270 Millimeter Durchmesser weisen die Scheiben an den Vorderrädern auf, hinten sind es 284 Millimeter. Doppelkolben pressen die Beläge an die gut belüftete Anlage. Das Stahlflexleitungen verlegt wurden, ist selbstverständlich.

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Auf Nebenstraßen gibt sich der Stier ebenfalls gut beherrschbar. Auch eine desolate Asphaltschicht bringt das Fahrwerk nicht aus der Ruhe. Unebenheiten bügeln die Wilbers Dämpfer locker weg. Vorne, wie hinten. Das vergleichsweise hohe Gewicht macht sich im Betrieb kaum bemerkbar. Leistung ist ausreichend vorhanden. Hinter der geschickt geformten Verkleidung kauert der Pilot sogar relativ windsicher.

 

Dreibeinige Spinne

Von der Piste auf die Strasse. So könnte man das Motto des Spyder ebenfalls formulieren. Das die Ski-Doos – Can Ams Schneemobile – Pate bei der Entwicklung standen, lässt sich nicht verleugnen. Auf dem gestreckt wirkenden Dreirad nimmt man reichlich, leicht nach vorn gebeugt Platz. Sonorer Sound blubbert aus dem Endtopf rechts unten – simpel und fix nach elektrischem Start. Vom Zweizylinder ist nichts zu sehen.

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Komplett verschwindet der Rotax unter dem Plastikkleid. Schalten wie beim Moped. Auch die Spinne zerrt am Antriebsriemen und geht ab Standgas ordentlich vorwärts. Nicht ganz so vehement wie der Taurus, aber die 106 PS aus den rund 1.000 Kubik sind deutlich spürbar. Kraftschlüssig lässt sich das manuelle Getriebe hoch schalten. Gewöhnungsbedürftig ist die Verfügbarkeit von lediglich einem Fußbremshebel. Klar sind auch an der Spyder drei Scheibenbremsen vorhanden, jedoch fehlt dem sportlichen Fahrer das Gefühl, auch mit der Hand eingreifen zu können. Der Sicherheit tut dies keinen Abbruch, die Spyder stoppt zuverlässig und sicher über das integrale System. Die im Durchmesser 260 mm großen Scheiben werden vorn von Vierkolben-Festsätteln, hinten von einem Einkolben-Schwimmsattel in die Zange genommen.

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Guten Überblick geben die üppigen Instrumente. Fast schon mehr, als erfassbar ist. Geradeaus geht’s mit Leichtigkeit und Spurtreue. Länge läuft eben! Die Seriendämpfung ist den Anforderungen einer ausgiebigen Tour, auch auf Nebenstraßen, gewachsen. Auf schlechter Piste gibt es hin und wieder jedoch eine Rückmeldung an die Sitzbank und das Gesäß des Piloten. In Kurven verlangt die Spyder schon etwas Nachdruck. Hinten wirkt sie – vor allem in schnellen oder engen Kehren – etwas schwammig im Vergleich zum Taurus. In zu schnell angefahrenen Kehren mischt sich merklich die eingebaute Elektronik in Form des VSS (Fahrzeugstabilisierungssystem) ein.

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Dieses System umfasst Antiblockiersystem, Traktionskontrollsystem, Stabilitätskontrolle und eine dynamische Servolenkung. In Sekundenbruchteilen wird die Motordrehzahl herunter geregelt und die für die extreme Fahrsituation benötigte Scheibenbremse wird aktiviert  Dennoch hat man die Sache stets gut im Griff. Die in Zusammenarbeit mit Bosch entwickelte Elektronik unterstützt die Fahreigenschaften und die Sicherheit erheblich. Auch neigt sich die Spyder gut in der Vorderhand, so dass die Serpentinen präzise durchquerbar sind. Die Verkleidung setzt den Fahrer den Elementen aus. Das Stummelscheibchen hält weder Wind noch Regen deutlich vom Fahrer fern. Für Weicheier hält Can Am hier natürlich auch höhere Scheiben im Zubehörsortiment bereit. Wie übrigens auch viele weitere Teile zur individuellen Gestaltung, sowie eine riesige Bekleidungslinie speziell für den Spyder-Mann, oder auch die Sypder-Frau.

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Äußerst praktisch ist der enorm große Stauraum in der Frontverkleidung. Mit 44 Litern Fassungsvermögen angegeben, bekommt man hier locker zwei Integralhelme unter. Ein elektronisches Diebstahlsystem (DSS) soll es Langfingern besonders schwer machen, sich an fremdem Eigentum zu vergreifen. Wie das genau funktioniert, darüber schweigt sich Can Am verständlicherweise aus. Starten lässt sich die Spyder aber ausschließlich mit einem codierten Originalschlüssel.

 

Dreiecksbeziehung möglich

Die Drei. Für einen Mathematiker ist diese Zahl die dritte, die einmalig ist, in der Trigonometrie ist das Dreieck die einfachste geometrische Form in der Ebene. Für uns ist die Drei eine echte Offenbarung, eine Erweiterung unseres Erfahrungshorizontes. Spyder und Taurus haben einen großen Anteil daran. Beides sind Fahrmaschinen der besonderen Art, jede mit ganz eigenen Vorteilen und erstaunlicherweise wenigen Nachteilen. Unser Fahrbericht kann nur ansatzweise den Spaß beschreiben, den wir bei unseren Testfahrten hatten.

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Beide Fahrzeuge sind voll alltagstauglich, strotzen vor Kraft und sind wahre Augenmagneten. Das die hier vorgestellten Dreiräder nicht der VW Golf von morgen werden, liegt wohl einzig daran, dass der potenzielle Käufer tief in die Tasche greifen muss, um sich einen der Tiefflieger in die heimische Garage zu holen. In einem Fall reicht der Griff in die Tasche mindestens bis zur Kniekehle. Trotzdem – danke Can Am und GG! Jederzeit wieder.

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