Ausgerechnet Hisun

Voll ausgerüstet ins Gelände: Länge und Gewicht fordern jedoch etwas Körpereinsatz.

Voll ausgerüstet ins Gelände: Länge und Gewicht fordern jedoch etwas Körpereinsatz.

Mit neuen Modellen, frischem Wind und vor allem einem soliden Netzwerk startet Hisun neu durch. Als Eisbrecher sticht das neue 800er Flaggschiff in See. Dieses durchdachte ATV hat das Zeug zum Klassenschlager. 

Ausgerechnet Hisun hat die Karcher AG, in ihr Portfolio aufgenommen. Schon einmal hatte der chinesische Hersteller versucht auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Managementfehler und eine falsche Einschätzung der Szene führten nicht zum gewünschten Erfolg. Die Fahrzeuge blieben Ausnahmeerscheinungen. „Zu Unrecht“, wie Bruno Payer findet. Der Chefrepräsentant ist in der Birkenfelder Firma unter anderem für die Quads und ATVs zuständig. „Fahrzeuge und Marke habend aus unserer Sicht großes Potential die ATV-Fans zu begeistern. Ausstattung, Qualität sowie das Preis- Leistungsverhältnis sprechen für sich!“ In der Tat hat sich seit dem Erstkontakt des Herstellers mit der hiesigen Szene einiges getan. Vor allem im Qualitätsmanagement und in den Herstellungsverfahren berichtet Payer. Er und die Karcher AG verfügen über weitgehende Erfahrung bei Produktplatzierungen und dem Aufbau eines Marken-Image auf dem Fahrzeugmarkt. Verschiedene Marken im Zwei- und Vierradsektor gehören zum Vertriebsportfolio mit starkem Händlernetz. „Unsere Zusammenarbeit mit Hisun besteht schon seit rund zwei Jahren. Jetzt sind wir und auch der Hersteller mit den Produkten zum ‚Relaunch‘ bereit.“ Dies zunächst mit drei ATV-Modellen und einem UTV.

ATV 800 V2 EFI EPS

Eine treffende Modellbezeichnung wählten die Verantwortlichen für das größte ATV ihres Angebots. Enthält sie doch gleich alle wichtigen Details die das Fahrzeug ausmachen. 800 Kubik aus zwei Zylindern in V-bauweise mit elektronischer Einspritzung und Lenkhilfe. Komplett – und das ausgerechnet von Hisun, die damit in die Phalanx der Zweizylinder von den sogenannten Premiumherstellern einbrechen. Als zweiter chinesischer Produzent nach CF-Moto. Doch die Liste erschöpft sich nicht bei den gerade beschriebenen Merkmalen. An unserem exklusiven Testmodell – wir waren die ersten Redakteure, die eine der neuen Hisun bewegen durften, unmittelbar nach dem Eintreffen in Deutschland – finden wir viele nette Details, die den ATV-Fahrer verwöhnen.

Üppig und bequem: Das Platzangebot ist groß und bietet Raum für lange Touren.

Üppig und bequem: Das Platzangebot ist
groß und bietet Raum für lange Touren.

Zu einem gewissen Standard gehört inzwischen eine Seilwinde. In diesem Punkt lässt sich auch Hisun nicht lumpen und liefert eine solche mit rund 1.000 Kilogramm Zuglast und Fernbedienung. Mit dem ATV zusammen bekommt man auch den Edelstahl-Endtopf und die 14-Zoll-Alufelgen. In Sachen Zuverlässigkeit und Qualitätssteigerung lassen sich die Chinesen ein kanadisches CVT-Getriebe liefern. Die gesamte Baugruppe stammt vom bewährten Ausrüster CV-Tech Clutch und wird an den eigenproduzierten Motor angeflanscht. Zwecks Fortbewegungsmöglichkeiten im Gelände stehen die üblichen, elektronisch zuschaltbaren Optionen zur verfügung. Vom Allrad über die Differentialsperre bis hin zur Untersetzung des Getriebes. Mäusekino zentral im Cockpit, digital ausgeführt, Handschützer und schon mal alles, was zu einem LoF gehört. Soweit so gut.

Die Gepäckträger schaffen vorne 20 und hinten 35 Kilogramm. Kein Spitzenwert, den allerdings die Anhängelast von 940 Kilo gebremst locker wettmacht. Klasse ist auch das Platzangebot für Fahrer und Beifahrer. Zwei ausgewachsene Mitteleuropäer können sich äußerst bequem fortbewegen. Sitzposition und Bewegungsfreiheit sind topp, die standardisierten Bedienelemente sind gut erreichbar. Abgestützt auf McPherson Federelemente vorne ergibt sich eine gute Bodenfreiheit. Hinten sorgt eine Einzelradaufhängung für die Geländegängigkeit, welche an jeder Seite statt A-Arms eine Schwinge aufweisen. Ein System, wie wir es auch an dem 900er RZR von Polaris finden. Das ergibt insgesamt mehr Stabilität und weniger Knickneigung in Kurven. Dazu nimmt man in Kauf, dass sich das Fahrzeug etwas geringer verwindet. Das Ganze hat aber hohen Anteil an dem beschriebenen Komfort-Plus. Die Kunststoffteile wirken etwas verbaut und wir haben den Eindruck, dass auch bestimmte Wartungsarbeiten länger dauern könnten als gewohnt. Vier Scheibenbremsen verzögern den Testkandidaten hydraulisch.

Gute Reise!

Der Zweizylinder blubbert dumpf vor sich hin, nachdem er ohne Probleme zur Arbeitsaufnahme animiert wurde. Als unvorteilhaft erweist sich die Position des Wahlschalters für das Getriebe. Ist der Lenker auch nur leicht eingeschlagen, ist er im Weg. Etwas lästig beim Rangieren. Versöhnung mit diesem Umstand bringt die tadellose Funktion und exakte Bedienbarkeit der Schaltkulisse. Ehrlich gesagt, die beste die wir bisher bei einem Chinesen feststellten. Ausgerechnet Hisun, denen man in der ersten Marge von vor einigen Jahren hier noch deutliche Mängel attestieren musste. Druck auf’s Daumengas. Wow – der geht! Der Hisun-Motor lässt keine Zweifel aufkommen, dass er über ordentlich Hubraum und knapp 55 PS verfügt. Aus dem tiefsten Drehzahlkeller schiebt er das ATV kraftvoll voran. Egal ob allein oder zu zweit besetzt, es geht vorwärts marsch.

Straße: Hier gibt sich der Ausflugsdampfer keine Blöße. Mit der beschriebenen Kraftentfaltung und dem Komfort lassen sich auch längere Etappen gut bewältigen. Mit einem Zweizylinder fährt es sich auf Asphalt ohnehin entspannter und weniger aufgeregt als mit einem Eintopf. Fahrwerkstechnisch zieht das Gefährt seine Bahn und ist präzise steuerbar. Wir lassen’s laufen, bis wir in einen Wirtschaftsweg einbiegen. Bei gesteigertem Tempo wechselt der Untergrund, was dem ATV kaum anzumerken ist. Mehr Schwierigkeiten macht es uns auf einer Weide. Die Serienbereifung von „Wanda“ verliert hier schnell den Gripp. Nicht so auf Waldboden oder im weichen Morast. Die scharfen Kanten der neuen Pellen ackern sich irgendwie da durch.

Verwindungsprobe: Länge läuft und hält das ATV auf Kurs. In der Buckelpiste fordern wir das Fahrwerk.

Verwindungsprobe: Länge läuft und hält das ATV auf Kurs. In der Buckelpiste fordern wir das
Fahrwerk.

Apropos ackern: Arbeiten soll man ja bisweilen mit einem ATV auch können. Zumindest kennen wir Zeitgenossen, die ihres gelegentlich oder gar ausschließlich dazu verwenden. Für den letztgenannten Personenkreis ist die Hisun nicht empfehlenswert, da die Tugenden und die Ausstattung eindeutig auf einen Freizeitgebrauch hindeuten. Dennoch ziehen wir natürlich einen Anhänger, beladen mit Paletten und Zaunmaterial. Das interessiert den Boliden scheinbar nicht die Bohne. Lediglich etwas über die Vorderräder schiebt das Gespann in zügig gefahrenen Kurven. Bei gemäßigtem Tempo hilft das das EPS mit dezenter Unterstützung. Selbiges ist auch im Gehölze eine gute Hilfe beim Fahren mit dem langen Vehikel. Denn hier und da, wenn es recht dick – sprich eng wird – erfordert die lange Maschine schon erhöhten Körpereinsatz. Der Tribut an die Langversion. Damit sei aber keinesfalls gesagt, dass die Hisun wenig geländetauglich ist. Im Gegenteil, eine starke Motorbremse und zuverlässige Scheibenbremsen geben viel Sicherheit und bieten Reserven. Ordentlich arbeiten die Stoßdämpfer.

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Kraftpaket in Eigenleistung: Den neuen Zweizylinder mit rund 55 PS stellt Hisun selbst her. Ordentlicher Durchzug und ein Einspritzsystem sorgen für Vortrieb

Ausgerechnet Hisun

Der Fahreindruck bestätigt die provokante Überschrift. Hisun bekommt das hin, was wir von anderen Herstellern schon lange erwarten. Ein fertiges ATV das zu einem günstigen Preis den Griff zu teurem Zubehör vermeiden hilft. Wer sich mit dem Gedanken an einen Chinesen anfreunden kann, der wird für 9.799,- Euro solide bedient. Optisch leicht an die kanadische Konkurrenz angelehnt, gibt es nicht viel zu meckern. Gepaart mit dem als solide bekannten Importeur Karcher steht eine echte Alternative auf dem Reise- und Freizeit-ATV-Sektor bereit. Angesichts des guten ersten Eindrucks von der 800 V2 EFI EPS scheint ein erfolgreicher Neustart für Hisun nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich.

Text und Fotos: Ralf Wilke

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