Can Am Spyder RS/RT

Rad ab?

Can Am hat mit dem Spyder Dreirad das Rad nicht neu erfunden, aber sehr modern und ansprechend interpretiert. Exzellente Fahrleistungen bei größtmöglicher Sicherheit, das sind die Eckdaten der Spyder-Modelle.

Ein Motorrad hat zwei Räder, ein Quad hat deren vier. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Ein Trike fährt lässig auf drei Rädern durch die Gegend. Aber die meistens durch überladenen Chromzierrat auffallenden Fahrzeuge sind nicht jedermanns Sache. Fahrphysikalisch sind diesem Konzept ebenfalls sehr enge Grenzen gesetzt. Aber es geht auch andersherum. Zwei Räder vorn, eins hinten, das verspricht zumindest bei guter Konstruktionsarbeit wesentlich mehr Dynamik und Fahrspaß. Can Am als innovativer Entwickler und Anbieter von Freizeitfahrzeugen, hat mit dem Dreirad Spyder auf einen Schlag einen neuen Kundenkreis erschlossen. Erstaunlicherweise sind die Fans der Spyder überwiegend ehemalige Quadfahrer, die eine neue Herausforderung suchen. Auch viele liebäugeln mit dem Spyder, weil man zum Fahren keinen Motorradführerschein benötigt.

Wir hatten die Gelegenheit zwei aktuelle Modelle der mittlerweile fünf verschiedene Varianten umfassenden Palette ausführlich zu testen. Wir nehmen Euch mit auf Tour.

Spyder RS Roadster

Das Einstiegsmodell in die Welt der Spyder. Gleichzeitig aber auch der Sportler in der Familie. Im Wesentlichen unterscheidet sich der Roadster im Vergleich zu den RT-Modellen durch eine sportlichere Linie und in unserem Fall durch den Einsatz eines manuellen Schaltgetriebes. Bei den meisten Spyder-Modellen kann man aber auch ein sequentielles, halbautomatisches Getriebe ordern, das per Handschaltung bedient wird. Konzeptionsbedingt findet sich bei allen Spyder-Modellen in der Frontverkleidung ein großzügiges Gepäckfach, das locker zwei Integralhelme und noch mehr aufnimmt. Gerechnet sind das 44 Liter Stauraum. Sehr gut finden wir, das sich die Gepäckklappe, sowie auch die Sitzbank (darunter befindet sich der Tank) mit dem Fahrzeugschlüssel zentral über das Zündschloss entriegeln lassen. Sportlich ist die Sitzposition auf der RS, die Beine sind schon ziemlich angewinkelt, der Oberkörper streckt sich lang über die Tankattrappe zur Lenkerarmatur. Genau so sportlich ist der Sitzplatz für den Passagier. Zwar finden sich großzügig bemessene Haltegriffe und die Bank ist abgestuft und gemütlich, aber auch hier ist der Kniewinkel etwas eng. Die serienmäßige Frontscheibe ist ein wenig kurz und nicht verstellbar. So ist der Oberkörper des Fahrers ab 100 km/h nicht frei von Verwirbelungen, ab 130 km/h drückt der Fahrtwind schon ordentlich gegen den Helm. Das Multifunktionsdisplay informiert ausreichend über alle wichtigen Fahrzustände. In der großen Glasfläche spiegelt sich aber stark die Sonne, wenn diese von hinten scheint. Sehr gut sind hingegen die großen Außenspiegel, in denen man wirklich das rückwärtige Geschehen erfassen kann. Der so genannte SST-Rahmen bildet in Verbindung mit den vorderen doppelten Dreieckslenkern und einer hinteren Schwinge mit Zentralfederbein das Fahrwerk. Ein moderner EFI- Zweizylindermotor von Rotax mit 998 ccm Hubraum und einer Leistung von 79 kW (106 PS) sorgt in Verbindung mit einem manuellen 5-Gang Schaltgetriebe für Vortrieb. Dieser Motor treibt unter anderem auch die RSV Mille von Aprilia an, dort werden allerdings ganze 143 PS ans Hinterrad geschleudert. Die Drei Bremsscheiben werden integral ausschließlich per Fußpedal aktiviert und verfügen über ein Antiblockiersystem. Der Spyder Roadster ist vollgestopft mit elektronischen Systemen, die den Fahrer direkt und indirekt unterstützen. Das VSS (Vehicle Stability System) umfasst dabei eine elektronische Stabilitäts- und Traktionskontrolle, sowie das ABS. Eine dynamische Servolenkung veringert den Kraftaufwand beim Lenken. Ein elektronisches Diebstahlschutzsystem macht es Langfingern besonders schwer.

Der Spyder zerrt am Antriebsriemen und geht ab Standgas ordentlich vorwärts. Die 106 PS aus den rund 1.000 Kubik sind deutlich spürbar. Kraftschlüssig lässt sich das manuelle Getriebe hoch schalten. Gewöhnungsbedürftig ist die Verfügbarkeit von lediglich einem Fußbremshebel. Klar sind auch an der Spyder drei Scheibenbremsen vorhanden, jedoch fehlt dem sportlichen Fahrer das Gefühl, auch mit der Hand eingreifen zu können. Der Sicherheit tut dies keinen Abbruch, der Spyder stoppt zuverlässig und sicher über das integrale System. Geradeaus geht’s mit Leichtigkeit und Spurtreue. Länge läuft eben! Die Seriendämpfung ist den Anforderungen einer ausgiebigen Tour, auch auf Nebenstraßen, gewachsen. In Kurven verlangt der Spyder schon etwas Nachdruck. Hinten wirkt er – vor allem in schnellen oder engen Kehren – etwas schwammig. In zu schnell angefahrenen Kehren mischt sich merklich die eingebaute Elektronik in Form des VSS (Fahrzeugstabilisierungssystem) ein. Dieses System umfasst Antiblockiersystem, Traktionskontrollsystem, Stabilitätskontrolle und eine dynamische Servolenkung.

Spyder RT „Techno“

Der Touren-Spyder ist das Modell für verwöhnte Kunden. Zum Vergleich: Würde man ihn in eine Motorrad-Kategorie einordnen, so stellten Fahrzeuge wie die opulente Gold-Wing die Spyder-Konkurrenz. Oder Luxus-Tourer vom Schlag einer BMW R 1200 RT. Es ist allerdings auch die gleiche Klientel, welche mit dem Spyder RT angesprochen wird. Lediglich der Motorradführerschein ist nicht vonnöten.

So bietet der RT – Roadster Touring – jede Menge Ausstattung, die einen Ausflug äußerst angenehm gestaltet. Unser Testfahrzeug bietet insgesamt 155 Liter Gepäckraum. Da kann die Dame des Hauses sogar Ihr Beauty-Case mitnehmen! Wenn alles verstaut ist, geht’s los. Bei Kälte bleiben die Finger dank beheizter Griffe (auch für den Beifahrer!) schön warm. Den Rotax-Boliden kontrolliert man nach problemloser Anlassphase per sequentiellem Getriebe und auf Knopfdruck auch per Tempomat.

Das elektronische Windschild verschont den Fahrer vor zu viel Wind und dessen Geräuschkulisse. Nett, denn dann ist die integrierte HiFi-Anlage besser zu hören. Im Display wird alles, aber auch wirklich alles visualisiert. Da sind Infos über Geschwindigkeit und Drehzahl fast Nebensache. Diese werden aber zusätzlich analog angezeigt. Multifunktionales Informationszentrum nennt Can Am die Einrichtung im Cockpit und macht dem Namen auch alle Ehre.

Die Sitzposition ist für beide Spyder-Fans absolut komfortabel. Egal ob vorne oder hinten, Das Platzangebot ist ausreichend und entspannt. Und so geht’s auf Tour. Die Anreise zum Urlaubs- oder Zielort per Autobahn gestaltet sich recht angenehm. Mit dem Tempomat schnurrt man über den Asphalt, bis zur Endgeschwindigkeit von rund 160 km/h. Auch aus höherem Tempo zieht der Motor noch kräftig durch, obwohl er im RT etwa sechs PS weniger zur Verfügung hat und weniger sportlich abgestimmt wurde als der Roadster Sport.

Runter von der Bahn, ab auf die Landstraße. Geschwungene Linien, ausladende Kurven – das Eldorado für den Touren-Profi. Zügig schaltet man sich per Knopfdruck durch das Getriebe und ist spritzig unterwegs. Das Herunterschalten übernimmt der Spyder selbst, wenn die Drehzahl abfällt. So ist man im Grunde immer im optimalen Leistungsspektrum unterwegs. Allerdings kann auch der Fahrer über den gewählten Gang entscheiden, will er mal durchziehen.

Auf kurvigen Straßen und Nebenstrecken unterstützt einen die elektronische Servolenkung massiv und macht den 421-Kilo-Ausflugsdampfer gut beherrschbar. Ein Passagier ist kaum merklich, zumal sich das Fahrwerk an Gewicht und Ladung anpasst. Weniger erfreulich ist der 25 Liter fassende Tank. Damit ist die Reichweite schon recht eingeschränkt. 250 Kilometer sind auf einer Urlaubsfahrt schnell abgerissen und so wird man mit dem RT doch oft an die Zapfsäule gezwungen. Der Wert wurde von uns übrigens ohne Zuladung festgestellt.

Bodenwellen schluckt das komfortable Fahrwerk gut weg. Bei hohem Tempo stellt sich manchmal ein etwas schwammiges Gefühl ein, was jedoch nach einer gewissen Eingewöhnungsphase als weniger schlimm wahrgenommen wird. Spyder fahren ist halt etwas Eigenes. Verlässt man sich nicht allein auf die Elektronik und arbeitet mit dem Körper, ist auch der Tourer recht sportlich bewegbar.

Wir waren an der Mosel und in der Eifel unterwegs. Gefallen hat der RT dabei durch seine Gutmütigkeit, ohne lahm zu erscheinen. Es ist ein Gefühl des Dahingleitens und sanften Schaukelns. Die Landschaft kommt dabei nicht zu kurz. Nach etwas Eingewöhnung hat man ein höchst sicheres Fahrgefühl und traut sich und dem Spyder bald mehr zu. Wobei schon Ausstattung und Charakter des RT zu einer Gelassenheit nötigt, die auf einer Tour auch geboten ist. Fahrdynamisch muss sich der Kunde im Pulk mit seinen Motorrad-Freunden nicht verstecken. Hier geht es locker mit.

Faszination Dreirad

Mit dem Spyder lässt sich der Bogen von der Kindheit zum Erwachsenendasein spannen. Wer hat sich als Knirps nicht über sein geliebtes Dreirad oder Dreirädchen gefreut. Damit begann um den Häuserblock die ungeahnte Freiheit. Heute kann man sich als Technik- oder Fahrzeugfan ebenso kaum der Anziehungskraft eines – nunmehr motorisierten – Dreirads entziehen. Die Freiheit beginnt ebenfalls am Ende der Grundstücks-Einfahrt, was übrigens die Webetexter von Can Am richtig behaupten. Mit kindischer Freude entdeckt man die Details an den Fahrzeugen und darf über manche technische Lösung staunen. Auch dann, wenn man der Meinung ist, ein Can Am Spyder hat ein Rad ab.

Text: Ralf Wilke, Frank Meyer

Fotos: E.P. Disse

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