Boliden am Start

Geschrieben von am 8. Dezember 2021 in Allgemein

Zwei 850er die jüngst von sich Reden machten. Jedes ATV auf seine Weise. STELS und CFMOTO schicken sich an, noch mehr Marktanteile zu erobern. Wir vergleichen die beiden Fahrzeuge.

Die Russen sind da! Vor etlichen Jahren sorgte ein Klempnermeister als Comicfigur mit diesem Satz für Lacher im Kino. Fast genau vor einem Jahr, rief derselbe Satz in der Quadszene großes Erstaunen hervor. Quadix aus Bamberg hat seitdem die Fahrzeuge von STELS im Programm. Große Aufmerksamkeit und etliche Kommentare folgten diesem ersten Auftritt der russischen Marke. Heute führen viele Händler in Deutschland die Marke und melden gute Absätze.

Die „Überall-Hinkommer“: Beide ATVs scheuen keinen typischen Einsatz.

CFMOTO sorgte in seinen Anfängen auf dem hiesigen Markt für weit weniger Aufsehen. Denn das Modell Atlas 500 zählte nicht gerade zu den Glanzstücken im damaligen Portfolio. Dabei belieferte man schon damals andere Marken mit Motoren und sogar kompletten Fahrzeugen. Die Entscheidung, seine eigenen Modelle zu überarbeiten und unter dem eigenen Markennamen zu vertreiben, brachte eine Wende. Der erste 800er Zweizylinder mit dem Namen Terralander fand viele Abnehmer und Freunde. Inzwischen in CForce umbenannt, gibt es eine 820er, eine 850er und eine 1000er. Die letzteren Beiden teilen sich das Chassis und das Design.

Die Testkandidaten

Die Testkandidaten: Viel Gemeinsamkeiten und deutliche Unterschiede.

Umgangssprachlich bezeichnet man starke Kraftfahrzeuge als Boliden. Das sind die hier vorgestellten Vierräder allemal. Fahrzeuge mit solch einem Hubraum stellten noch vor wenigen Jahren das Ende der Fahnenstange dar. 800 bis 850 ccm – mehr ging nicht. Bis die Tausender kamen. Beide ATVs verfügen über einen kräftigen V-Zweizylinder. Wobei CFMOTO mit der Angabe „850“ ein wenig schummelt. Der chinesische Motor ist in Wahrheit „nur“ ein 800er, während STELS seinen Hubraum entsprechend der Bezeichnung dimensionierte. Schwamm drüber, wir stellen beide trotzdem diesem Vergleich, da sie in derselben Klasse antreten. Stehen sie nebeneinander, wirkt die Chinesin filigraner und durchgestyled, während die russische Variante eines ATVs deutlich robuster anmutet. Selbige ist höher als die Konkurrentin und kommt im ersten Moment wuchtiger rüber. Das liegt sicher auch daran, dass der Kühler auf den vorderen Gepäckträger verlegt wurde und die Reifen breiter und gröber sind. Unsere Test-STELS ist zugleich ausgerüstet mit dem passenden Koffer von Quadix, an dem zwei der neuen Kanistersysteme adaptiert wurden. Insgesamt zehn Liter Sprit lassen sich damit bequem und sicher mitführen.

 

Gemeinsam ist beiden auch die serienmäßige Seilwinde. Das gehört heute zum guten Ton und ist Klassen-Standard. Lange Chassis erlauben, sie als Zweisitzer auszuführen und üppig Platz für einen Passagier zu bieten. Ausgestattet mit Rückenlehne, Podesten mit gezahnten Rasten für die Füße und soliden Haltegriffen, reist der zweite Mann – oder Frau – bequem mit. Sehr schön gelöst. USB-Steckdosen, Staufächer und Handschützer kriegt der Kunde mitgeliefert. Leichtmetallfelgen runden die Optik der Maschinen jeweils ab. Bei der CFMOTO ist die Beleuchtung optisch besser integriert und wirkt moderner als in der robuster auftretenden STELS. Modern ist eine elektronische Lenkhilfe, die ebenfalls auf der Ausstattungsliste beider Fahrzeuge steht. Elektronisch arbeitet auch das Einspritzsystem der Motoren zur Gemischaufbereitung. Fast könnte man an dieser Stelle den Vergleich abbrechen und den persönlichen Geschmack entscheiden lassen. Denn laut Liste gibt es nicht mal einen Preisunterschied und die Dickschiffe werden jeweils für 10.699,- Euro angeboten.

Fahren mit den Boliden

Gutes Handling: Auf der CFMOTO fühlt man sich rasch zu Hause.

Okay, es gibt bei allen gleichen oder ähnlichen Merkmalen doch noch etliche Unterschiede. Die machen sich beim Fahren bemerkbar. Die Sitzposition auf der Chinesin ist handlicher. Man sitzt mehr „in“ der Maschine, als „drauf“, hat so ein besseres Gespür für die Fahrmanöver und das Handling ist günstiger als das der Russin. Auf ihr thront der Fahrer förmlich und es entsteht ein vergleichsweise höherer und damit etwas ungünstigerer Schwerpunkt. Das macht sich auch sogleich bemerkbar. Das straffer abgestimmte CF-Fahrwerk mit einstellbaren Gasdruck-Stoßdämpfern ist kontrollierbarer als das einfache, nur in der Vorspannung verstellbare, Dämpferpaket der STELS. Diese schwimmt in den Kurven leicht und knickt deutlicher ein. Im Gelände allerdings schlucken die russischen Federbeine einiges weg und halten die Fuhre auch im groben Geläuf gut auf Kurs.

Geländegänger: Die rustikale, weich abgestimmte STELS klettert stur durch’s Geläuf.

Obwohl auch der Gewichtsunterschied der Beiden nicht gravierend ausfällt – 435 Kilogramm wiegt die STELS, 447 die CFMOTO – tritt der chinesische Motor etwas kräftiger an und zieht besser von unten aus dem Drehzahlkeller hoch. Dafür verzögern die hydraulischen Scheibenbremsen aus Russland besser. Zwar verfügt auch die 850er CF über vier hydraulisch betätigte Scheibenbremsen, aber die dürften ruhig etwas knackiger zupacken. In Sachen Grip hat die STELS auch leicht die Nase vorn. Die größer dimensionierten und gröberen Pellen krallen sich in jeden Untergrund und helfen beim Vortrieb. Gut, fairerweise muss man sagen, dass Quadix sein Flaggschiff mit MAXXIS Bighorn ausrüstet, einem der nachweislich besten ATV-Reifen auf dem Markt. Das der CFMOTO als Mangel anzukreiden, wäre meckern auf hohem Niveau. Deren Serienbereifung von Abuzz langt immer noch gut hin.

Was macht wer mit wem?

90 (STELS) zu 105 km/h (CFMOTO) lautet der Unterschied in der Höchstgeschwindigkeit. Das scheint nicht viel, ist aber für den einen oder anderen Kunden wichtig. So kommen wir zum Einsatzzweck der Beiden. Fahrer/innen, die es lieber und oft ins Gelände treibt, denen sei die russische Definition eines ATVs empfohlen. Der hochgelegte Kühler und die mächtigen Ansaugstutzen weisen eindeutig in diese Richtung. Mit zugeschaltetem Allrad und der Untersetzung gibt es keine Situation, die wir nicht gemeistert hätten während eines typischen Testeinsatzes. Dank des vollständigen Schutzes am Unterboden braucht man auch bockharte Hindernisse nicht zu scheuen. Ein Hauch von Mud-Bogging – dem Trend in der Szene – haftet der STELS ebenfalls an.

Tourenfahrer/innen greifen aus diesem Vergleich bitte eher auf die CFMOTO zurück. Sie macht auf der Straße die bessere Figur und kann im Gelände mithalten. Egal ob Anfänger oder erfahrener Pilot, dieses ATV stellt keine großen Anforderungen und erweckt schnell den Eindruck, als wenn man nie etwas Anderes gefahren wäre. So ist das chinesische Paket besser „alround“ geschnürt, das russische kerniger und rustikaler. Man genießt die deutliche Kennlinie der CF im Durchzug. Die zackigen Fußrasten geben guten Halt, sie sind leicht hochgebogen und ermöglichen so eine gute Kurvenkontrolle.
Also letztlich doch eine Frage des persönlichen Geschmacks? Ja, und ist das nicht oft so, liebe Leserinnen und Leser? Gut, dass mit diesen beiden echten Boliden, zwei interessante Fahrzeuge am Markt sind. Genau das braucht unsere Szene.

Text: Ralf Wilke
Fotos: Raymon de Kruijff

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