Klassik-Test Mittelklasse

Geschrieben von am 28. November 2020 in Allgemein, Can-Am, Kymco, Polaris, Test + Technik

Man muss nicht stets auf die Höchstleistung schielen oder einen Liter Hubraum anpeilen. Die meisten ATV-Hersteller halten in der Klasse um 500 / 600  ccm interessante Fahrzeuge bereit, denen es an nichts fehlt. Vor allem nicht am Spaßfaktor.

Höher, schneller, weiter – die heutige Zeit verlangt scheinbar stets in allen Belangen die Bestleistung von uns. Umso kräftiger, stärker und üppiger fallen die meisten Neuerscheinungen unserer Szene aus. Um die tausend Kubikzentimeter Hubraum bieten die Flaggschiffe der meisten Hersteller. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da waren wir auch mit weniger zufrieden und haben eigentlich nichts vermisst. War das mangels Alternativen? Standen doch die 600er und 700er am Ende der Hubraumskala. Heute sind sie die Preisbrecher und Einsteiger in die Welt der größeren ATVs. Wer sich für ein Mittelklasse-ATV entscheidet, der erhält in der Regel alles, was man zum Spaß im Gelände und zum Arbeiten braucht. Warum also nach den Sternen greifen, wenn das Gute liegt so nah? Das Sprichwort lässt sich vor allem auf den Geldbeutel anwenden. Keine oder kaum Abstriche in der Ausstattung, ausgereifte Technik und solide Motoren ohne Kinderkrankheiten. Grund genug sich in diesem Marktsegment umzuschauen. Drei typische Vertreter der derzeitigen Generation hatten wir unter dem Hintern.

Aller guten Dinge sind drei

Ohne Zweifel gehört Kymco zu den beliebtesten Marken der Szene. Seit gut drei Jahren bietet Importeur MSA aus Weiden in der Oberpfalz nun die 550er MXU an. Ein Kassenschlager! Das liegt unter anderem sicherlich an der wuchtigen Optik der Karosserie. So zeigt sich die Taiwanesin im beliebten SUV-Design moderner Automobile mit markanten, eckigen Breitspann-Scheinwerfern und LED-Leuchten im Diamond Look. Für den Geländeeinsatz wurde die hochgezogene Front jeweils mit einem Extra-Schutz vor Stein- und Geröllschäden verstärkt. Wie es sich für ein einsatzfähiges ATV gehört, ist die MXU mit Einzelradaufhängung an beiden Achsen und Querstabilisator hinten ausgestattet. Eine Bergabfahrhilfe, stabile Gepäckträger vorne und hinten sowie eine Anhängekupplung sind ebenfalls fester Bestandteil der Serienausstattung. Allradantrieb, Untersetzung und eine Differentialsperre vorne gehören selbstredend dazu. Der 550er ist in Wahrheit ein 501er, was wir dem soliden Triebwerk aber gerne nachsehen.

Polaris ist mit dem Sportsman der große Wurf gelungen. Riesige Stückzahlen konnten weltweit abgesetzt werden, allen voran steht dabei das 500er Mittelklasse-Modell. Kein ATV hat bisher mehr Fahrer bzw. Besitzer gefunden. Dem Stadium als reines Arbeitsgerät ist der Sportsman inzwischen längst entwachsen. Die 500er-Version galt lange als Klassenprimus, woran die aktuelle 570er anknüpft. Das Modell zeichnet sich durch wesentlich verbesserte Ergonomie aus. Denn das Fahrgestell ist dem Sportsman XP nachempfunden und bietet zusätzlichen Komfort. Der vordere Teil des Sitzes und die Seitenteile wurden im Oberschenkelbereich um mehr als acht Zentimeter schlanker gestaltet. Außerdem haben die Fußbretter tiefere Fersenmulden, so dass der Fahrer seine Füße gut fünf Zentimeter weiter nach hinten positionieren kann, was dem Handling sehr entgegen kommt. Im Chassis schlägt das Herz als flüssiggekühlter Einzylinder-Motor, der mit dem UTV RZR 570 eingeführt worden war. Er verfügt über zwei oben liegende Nockenwellen und vier Ventile sowie ein elektronisches Einspritzsystem aus dem Automobilbereich. Dies bringt rund 20 Prozent mehr Leistung als der Vorgänger.

In direkter Konkurrenz zum erfolgreichen Sportsman steht der Outlander von Can-Am. Hersteller BRP beansprucht für sich, den leistungsstärksten Motor in dieser Hubraumklasse anzubieten. Rotax entwickelte den hauseigenen 570er Motor und legte Wert auf eine gutmütige Leistungsentwicklung bei gleichzeitig hohem Drehmoment. Schon auf den ersten Metern merkt der Fahrer genau das ganz deutlich. Kräftig, gutmütig und erstaunlich durchzugsstark tritt das Aggregat an und befeuert das lange Chassis der von uns getesteten Outlander L MAX, ein komfortables und auf den Zwei-Personen-Betrieb bestens ausgelegtes Fahrzeug. Dank des langen Radstandes läuft er sehr gutmütig auf längeren Touren und ermüdet den Fahrer nicht, der sich an seinem Arbeitsplatz wohlfühlt. Dadurch steigt der Spaßfaktor und selbst lange Distanzen verlieren ihren „Schrecken“.

Dann mal los

Unsere drei Testkandidaten sind also typische Vertreter der moderneren Gattung ATV. Die beschriebenen Attribute unterstützen den derzeit meistgefragten Einsatzbereich, nämlich Freizeit, Hobby und Reisen bzw. Touren. Solcherlei Verwendung macht natürlich mehr Spaß als das Arbeiten. An die Aufgabe gehen die drei Fahrzeuge unterschiedlich heran. So setzt beispielsweise bei der Kymco die Leistung des Einzylinders recht moderat und kontrollierbar ein. Im Vergleich zu den beiden Mitbewerbern kommt sie eher träge in die Puschen. Gute Leistung ist zwar vorhanden, diese muss aber mit 36 PS das Fahrzeuggewicht und das des Fahrers wuppen. Für sportlichen ATV-Einsatz wäre die Kymco also weniger geeignet. Wie bereits beschrieben, tritt der Rotax-Motor des Kanadiers mit seinen zwei Zylindern deutlich kräftiger an. Seit diesem Modelljahr stattet BRP den Outlander mit einem kürzer untersetzten L-Gang aus. Dadurch steht mehr Kraft im Gelände zur Verfügung und der MAX muss selbst vor steilen Auffahrten nicht zurückschrecken. Das volle Drehmoment des Motors mit seinen 48 PS steht für dererlei Manöver zur Verfügung. Im Trio orientiert sich der Sportsman von Polaris noch am ehesten an den Gegebenheiten eines möglichen Arbeitseinsatzes. Der Motor erhielt eine Leistungskur, die auch die Lichtmaschine einbezieht. Bereits knapp oberhalb der Leerlaufdrehzahl liefert diese 40 Prozent mehr elektrische Leistung. Dies soll dafür sorgen das Anbaugeräte mit genügend Strom versorgt werden. Auch die maximale Anhängelast von 810 kg lässt eine Menge Spielraum für den reinen Arbeitseinsatz. Der gegenüber dem Vorgänger um fast elf Prozent vergrößerte Tank sorgt für eine größere Reichweite, was wiederum deutlich zum Tourenfahren einlädt. 44 Pferde sind auch eine solide Leistung im Alltags- und Geländeeinsatz.

Willkommen im Schlamm

Am Testtag herrschten wenig einladende Bedingungen. Pampe beschreibt die Situation auf dem Gelände im niederländischen Heerde am besten. Oder sind gerade das die besten Voraussetzungen? Fairerweise muss man sagen, dass der Outlander mit dem langen Radstand es etwas einfacher angehen ließ, als die kürzeren Mitbewerber. Vom Polaris ist allerdings ebenfalls eine zweisitzige Version erhältlich. Kinderleicht zieht die Can-Am ihre Bahn auf dem zur Gleitfläche geratenen Untergrund. 340 Kilo Gewicht merkt der Zweizylinder kaum. Enge Kehren dafür eher. Die Kymco liefert den schwächsten Motor im Trio und schleppt mit 351 Kilo den Topwert im Vergleich mit sich rum. Rund 320 sind es beim Polaris, der sich plötzlich als das sportlichste ATV unseres Vergleichs entpuppt. Wer hätte das gedacht? Zwar wirken die Kymco und der Outlander etwas beherrschbarer, doch hängt dieser am besten am Gas. Ordentlich aber nicht überfordernd treibt der Sportsman nach vorne. Die Leistungsentfaltung ist sanft und steigert sich merklich. Dank des üppigen Drehmomentes ist dabei kein Leistungsloch zu bemerken. Besonders in einem Trail macht sich das positiv bemerkbar. Bestens dosierbar zeigt sich der Einzylinder aus Taiwan. In Verbindung mit beherzter Gashand und ggf. mit 4×4 war die 550er Kymco trotz Gewichtsmanko nirgends nennenswert aufzuhalten. Sie ist die beste Empfehlung für den Ein- oder Umstieg in die Mittelklasse. Sie macht es dem Fahrer leicht.

Einheitsbrei oder Individualität

Die drei ATVs hinterlassen unterschiedlichste Eindrücke. Was allen gemeinsam ist, ist die gehobene Ausstattung und die Qualität. Hier auf die Einzelheiten der Armaturen einzugehen und zu vergleichen wäre sinnlos. Im Grunde können sie alle das Gleiche und die Optik ist Geschmackssache. Überflüssig zu erwähnen, dass Fahrzeuge dieser Premiumhersteller sich in Punkto Verzögerung und Verarbeitung kaum eine Blöße geben. Lediglich bei der Motorbremse schmiert der Sportsman etwas ab. Das können die anderen beiden besser. Alle drei ATVs buhlen in der gleichen Mittelklasse um die Gunst der Kundschaft. Alle Drei haben ihre eigenen Vor- und Nachteile und so muss der Interessent seine eigenen Schlüsse ziehen. Kymco bietet ein gutes Preis-Leistungsverhältnis. Für alle, die ein solides und wertiges ATV für ein denkbar breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten suchen. Touren, Alltag und gewisser Arbeitseinsatz liegen im Schwerpunkt vieler Kunden. Komfort und Zuverlässigkeit setzen ebenfalls eine Marke im Segment der gehobenen Mittelklasse. Der Polaris ist ganz anders als die Kymco. Kein Schnickschnack, wie LED-Leuchten oder Chrom-Kram, nur ein einfaches ATV. Allerdings mit Servolenkung und einem Motor, der sich prächtig fahren lässt. Im 4WD-Modus ist man daher Herr über jedes Hindernis und auch Chef auf der Arbeitsstelle dank der Transport- und Zugleistung. Und das mit dem günstigsten Preis. Größer, schwerer, aber leistungsstärker ist der Outlander von Can-Am. Gerade mit diesem 570er-Zweizylinder macht eine der Hauptdisziplinen am meisten Spaß: das Cruisen und rumfahren auf allen Untergründen. Insbesondere als L-Version. Wir hatten bereits drei schlaflose Nächte, weil wir einfach nicht die Wahl zwischen dem harten Polaris und dem günstigen Kymco oder den starken Can-Am zu treffen können. Vielleicht hilft eine weitere Nacht und eine neue Schlammschlacht.

 

Text: Ralf Wilke, Raymon de Kruijff, Maurice van Oosten

Fotos: Arie Bon

 

Kymco MXU 550i

Motor: Einzylinder 4-Takt, flüssiggekühlt, Hubraum: 501 ccm, Leistung:  27 kW / 36,7 PS, Kraftstoffversorgung: elektronische Einspritzung, Startsystem: elektrisch, Getriebe: CVT-Variomatik, L / H / N / R / P,  Antrieb: 4×4, Kardan, Radaufhängung: vorne doppelte A-Arms,  hinten Einzelradaufhängung, Bremsen: vorne 2 hydraulische Scheiben, hinten 1 hydraulische Scheibe, Reifen: vorne 26 x 8 – 14, hinten 26 x 10 – 14, Maße: Länge 2.240 mm, Breite 1.260 mm, Höhe 1.430 mm, Radstand 1.297 mm, Bodenfreiheit 280 mm, Gewicht: 351 kg, Zuladung: vorne 45 kg, hinten 85 kg, Tankinhalt: 16,5 Liter, Farbe: Schwarz, Grün, Gewährleistung: 2 Jahre

Preis:  8.299,00 Euro

MSA Motor Sport Accessoires GmbH, Am Forst 17b, 92637 Weiden i.d. Opf., Tel. +49(0)961/3885-0, www.kymco.de

 

 

Polaris Sportsman 570

Motor: Einzylinder 4-Takt, flüssiggekühlt, Hubraum: 567 ccm, Leistung:  32,4 kW / 44 PS, Kraftstoffversorgung: elektronische Einspritzung, Startsystem: elektrisch, Getriebe: Automatik PVT, P / R / N / L / H,  Antrieb: 4×4, Kardan, Radaufhängung: vorne MacPherson 20.8 cm, hinten Einzelradaufhängung, Bremsen: vorne 2 hydraulische Scheiben, hinten 1 hydraulische Scheibe, Reifen: vorne 26 x 12 – 12, hinten 26 x 12 – 12, Maße: Länge 2.108 mm, Breite 1.219 mm, Höhe 1.219 mm, Radstand 1.283 mm, Bodenfreiheit 279 mm, Gewicht: 323 kg, Zuladung: vorne 40,8 kg, hinten 220 kg, Tankinhalt: 17 Liter, Farbe: Weiß, Grün, Garantie: 2 Jahre

Preis:  ab 8.790,00 Euro

Polaris Germany GmbH, Schöneweibergasse 102, 64347 Griesheim, Tel. +49(0)6155/8875810, www.polarisind.de

 

 

Can-Am Outlander L MAX 570

Motor: Zweizylinder 4-Takt, flüssiggekühlt, Hubraum: 570 ccm, Leistung:  35,3 kW / 48 PS, Kraftstoffversorgung: elektronische Einspritzung, Startsystem: elektrisch, Getriebe: CVT Automatik, P / R / N / H / L,  Antrieb: 4×4, Kardan, Radaufhängung: vorne Einzelradaufhängung,  hinten Einzelradaufhängung, Bremsen: vorne 2 hydraulische Scheiben, hinten gekapselte Bremse im Ölbad, Reifen: vorne 25 x 8 – 12, hinten 25 x 10 – 12, Maße: Länge 2.310 mm, Breite 1.168 mm, Höhe 1.330 mm, Radstand 1.499 mm, Bodenfreiheit 267 mm, Gewicht: 336 kg, Zuladung: vorne 54 kg, hinten 109 kg, Tankinhalt: 20,5 Liter, Farbe: Camouflage (Mossy Oak), Gelb,

Garantie: 2 Jahre

Preis:  ab 9.499,00 Euro

BRP Germany GmbH, Itterpark 11, 40724 Hilden, Tel. +49(0)2103/960680, www.brp.com

 

Heftbeitrag 05/2016

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