Goodbye Deutschland

Geschrieben von am 11. Juni 2020 in Allgemein, Szene

In den TV-Auswanderer-Dokus stolpern die Protagonisten oft von einem Fettnäpfchen ins nächste. Jutta und Marek Rollnik sind zwar auch ausgewandert, haben dafür aber keinen Fernsehsender gebraucht.

Sie wussten schon vorher, worauf sie sich einlassen. Spanien wird die neue Heimat – ohne Wenn und Aber. Reisen war schon immer eine große Leidenschaft von Jutta und Marek. Der 52-jährige war zwar zuhause in Kaufbeuren stark in das eigene Unternehmen eingebunden. Eine regelmäßige Auszeit vom Job und Stress hatte ebenso einen hohen Stellenwert im Leben des Paares. 2015 war es eine Reise mit dem eigenen Wohnmobil nach Marokko um dort den heimischen Schmuddelwinter auszusitzen. Es ging dabei quer durch die Westsahara bis zur Algerischen Grenze. Dabei haben Jutta und Marek das Land als vielfältig und spannend kennengelernt, weshalb im Winter darauf Marokko nochmals als Fluchtziel auserkoren wurde.

Alles richtig gemacht: Jutta und Marek haben den Ausstieg bisher nicht bereut.

Dabei war neben Frankreich auch Spanien eines der Haupttransitländer auf dem Weg in die Marokkanischen Wüsten. Dabei entwickelten die Zwei besonders für den Süden Spaniens eine große Sympathie. Das milde Klima, der immer blaue Himmel, die Leute, all das wurde immer öfter der Grund für Gespräche, wie es wohl wäre, dort als Rentner zu leben. Marek erinnert sich noch genau, wie der Drang nach einem Neustart intensiver wurde. „Der Gedanke bis zur Rente zu warten, erschien uns beiden immer unerträglicher.” Es dauerte nicht lange: Im Frühjahr/Sommer 2017 beschlossen sie ein paar Finkas bzw. Häuser anzusehen. Dieses Vorhaben festigte sich ganz schnell in den Köpfen und die Suche wurde intensiver und gezielter. “Auf einmal standen wir genau vor dem Wunschobjekt und alles ging dann ganz schnell. Wir kauften uns ein „Cortijo“ weitab vom Strand und Touristen“. Der Gutshof liegt am Rande des Nationalparks Sierra Nevada, zwischen Granada und Almeria in einer grandiosen Landschaft auf 950 Metern Höhe. Die endlosen Landschaften, Olivenhaine, Mandelplantagen, Flusstäler und Berge, die sich auf über 3.000 Meter erheben, das alles hat Jutta und Marek in den Bann gezogen. Dann ging es Schlag auf Schlag: Firma und das Haus wurden verkauft, der Umzug organisiert und der Verwandten- und Freundeskreis mit den Fakten vertraut gemacht.

Arbeit nervt? Laut Marek nicht immer, denn er tut es nicht für andere.

Nachdem der gröbste Abschiedsschmerz verflogen und unzählige Kilometer für den Umzug mit mehrmaligen Fahrten absolviert waren, sind Jutta und Marek in ihrer neuen Heimat Spanien angekommen. Die ersten Sprachkurse sind erfolgreich belegt und die „Residenzia“ beantragt.

Keine Zweifel

Auch wenn sich Jutta und Marek erst noch an vieles gewöhnen müssen, aber bisher scheinen sie alles richtig gemacht zu haben. Marek berichtet: „Das Leben hier in Andalusien nimmt seinen Lauf. Größtenteils sind wir Selbstversorger. Unsere kleine Landwirtschaft besteht aus Gemüseanbau, Obstanbau sowie Oliven und Wein. Zur Bewirtschaftung des kargen Landes benötigen wir natürlich auch Maschinen. Dafür haben wir einen Traktor, ein ATV mit Anhängerkupplung und andere Geräte. Mit dem ATV sind wir sehr vielseitig gerüstet. So nutzen wir die Suzuki zum Beispiel zum Dünger holen (Schafsmist), Grünzeug und Abfälle entsorgen, oder um Material und Geräte zu transportieren.” Vor einiger Zeit legten sich die Beiden ein weiteres ATV zu, um noch mehr Freiheit zu erfahren. „Damit sind wir in der Landwirtschaft flexibler“, berichtet Marek, da man die ATVs in Spanien als „Landwirtschaftliche Maschinen“ anmelden kann, was sich in der günstigeren Versicherung niederschlägt.

Wer will schon auf die Autobahn?

Allerdings darf man damit nicht mehr auf die Autobahn. Aber wer will schon mit dem Quad auf die Autobahn, bei den vielen Möglichkeiten, die wir haben?“ In Ihrer Freizeit erkunden die beiden Auswanderer mit den ATVs die weitläufige Umgebung und stoßen dabei immer wieder auf neue unfassbare Aussichten. Der Naturpark Sierra Nevada hält dafür wunderschöne Passagen durch wilde Schluchten, vorbei an felsigen Bergen, oder durch schattige Pinienwälder bereit. Oder man fährt schon mal in den nächsten Ort zum Markt. Dabei nutzen Jutta und Marek die zahlreichen kleinen Wege und Pfade abseits der Straßen. „In Andalusien ist es diesbezüglich viel unkomplizierter, es gibt kaum Verbotsschilder, die Wege dürfen frei befahren werden, da ist der Genuss bei jeder Fahrt vorprogrammiert“, erläutert Marek. „Es gibt zwar auch in Spanien eine Helmpflicht, an die wir uns natürlich grundsätzlich halten. Aber da oben in der Sierra ist es ein wirkliches Erlebnis, bei gemächlichem Tempo auch mal oben ohne zu fahren und dabei die vielfältigen Gerüche von Pinien und anderen Gewächsen so intensiv aufzunehmen.

Endlos-Sommer: Im Süden Spaniens werden ausgetrocknete Flüsse zu Fahrwegen.

Zwischenzeitlich kam uns auch schon der Gedanke, dass wir diese Erlebnisse auch mit anderen teilen könnten. Dafür müsste ein kleines Hotel gekauft und fünf weitere ATVs und einige Enduros angeschafft werden. Tagestouren mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen könnten wir für das ganze Jahr über erstellen. Aber bevor die Gedanken sich vertiefen konnten, haben wir das schnell wieder verworfen. Wir haben schließlich erst gerade entschieden, dass die Arbeit nicht mehr unser Leben bestimmen soll. Vielmehr sprechen wir häufiger mal wieder von Marokko, wohin wir vielleicht nochmal aufbrechen. Dann aber mit den zwei ATVs im Gepäck. Womöglich melden wir uns dann wieder mit einem Bericht aus der Westsahara“.

Text: Marek Rollnik, Frank Meyer
Fotos: Marek Rollnik, Jutta Rollnik

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