Thunderstruck

Geschrieben von am 2. Mai 2020 in Allgemein, Test + Technik

Was uns die Rocker von AC/DC mit ihrem gleichnamigen Song einmal sagen wollten, ist gar nicht so einfach zu entschlüsseln. Warum Jörg Springer seinem exklusiven Eigenbau-Quad diesen Namen gab, lag nach dem ersten Motorstart sehr wohl auf der Hand. Wie vom Donnerschlag getroffen.

Die Erfahrung haben wir in den letzten Jahren schon oft gemacht. Die außergewöhnlichsten Custom-Schmieden finden sich oft in der Provinz. Wobei das nicht abschätzig zu verstehen ist. Wie am aktuellen Beispiel zu sehen, ist die Welt hier in Helmbrechts bei Hof noch in Ordnung. Man pflegt ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft, man kennt sich, man respektiert sich. Auch wenn es mal etwas lauter zugeht, wie bei den Testfahrten mit der Thunderstruck. Da ruft mal nicht gleich das Ordnungsamt an. Zumal man ja auch gern die Kernkompetenz des Lärmverursachers in Anspruch nimmt, nämlich die Kfz-Werkstatt S&S GmbH von Inhaber und Chef Jörg Springer. Der kümmert sich mit seinem Mechaniker Martin Geyer um die großen und kleinen Probleme der Autobesitzer in der Umgebung. Das Jörg seit seiner Jugend auch schon vom Quadvirus infiziert ist, kommt der Kundschaft ebenfalls zugute. Vor rund 16 Jahren begann Jörg neben der KFZ-Reparatur auch einen Quadhandel, damals mit Aeon- und Barossa-Fahrzeugen. Später kam dann auch Suzuki dazu, die Umbauten für die Straßenzulassung wurden natürlich selbst durchgeführt. Eine Zeit lang wurden auch geführte Touren und ein Quadverleih angeboten. Das wurde bald wieder aufgegeben, weil die Betreuung der Kunden und die Wartung der Leihfahrzeuge einfach zu zeitintensiv waren. Da fuhr man dann doch lieber selbst mit den Quads in den Urlaub, zum Beispiel nach Italien. Insbesondere die Gegend um den Gardasee war schon sehr oft das Ziel für ausgiebige Touren. Mit dem Ausstieg von Suzuki aus dem offiziellen Quad-Vertrieb in Deutschland hat auch Jörg seine Prioritäten neu geordnet und seine Werkstatt auf die KFZ-Kundschaft ausgerichtet. Allerdings hat er seine Leidenschaft zum Quad nie komplett aufgegeben. So kann man auch heute noch auf Bestellung Quads der unterschiedlichsten Marken bei S&S bekommen. Spezialisiert hat sich Jörg dabei auf spezielle Umbauten für kommunale Nutzung. So hat er auch schon Einsatzfahrzeuge für das Rote Kreuz entsprechend aufgebaut. Dabei kommt ein moderner Maschinenpark mit CNC-Fräsen usw. zum Einsatz. Der war im vergangenen Jahr auch oft genutzt bei der Umsetzung des Projekts „Thunderstruck“, das Jörg schon sehr lange im Kopf herum spukte.

Anglo-Amerikanische Gene

Die Vorliebe für alles was Räder hat, das wurde Jörg schon in die Wiege gelegt. Und wenn die Objekte der Begierde dabei noch aus der Reihe tanzen, umso besser. So ist es nicht verwunderlich, dass der Tüftler für sein langjährig erträumtes selbstgebautes Quad einen fetten Achtzylinder-Motor vorgesehen hat. Eine solche Maschine hat er schon sehr früh in die Planung einbezogen und bei einem Ebay-Angebot für einen Rover 3500 P6 zugeschlagen. „Somit stand der Antrieb fest, der Rest wird sich ergeben“. So hat sich Jörg das gedacht. Das kaum bekannte Coupé aus der englischen Rover-Modellpalette der 70er Jahre verfügte über den Achtzylinder-Motor mit 3.528 ccm Hubraum. Der wiederum war ein Lizenznachbau eines amerikanischen Buick-Motors, der damals schon größtenteils aus Aluminium bestand. Der P6 von Rover verfügte auch über ein Automatikgetriebe, das sich ebenfalls für die Verwendung im Quad-Projekt anbot. Einige weitere PKW-Modelle haben bei der Teilefindung für das Traumquad ebenfalls die Planung vereinfacht. Die komplette Hinterachse eines Mazda MX-5 hat sich beim Aufbau des Chassis einfach angeboten. „Die hat einfach ins Konzept gepasst, und macht sich bei der Gewichtsverteilung und dem Handling sehr positiv bemerkbar. Außerdem konnten wir auch die Bremsanlage aus dem KFZ-Fundus übernehmen, so ist die ausreichende Bremsleistung gewährleistet. Ein besonderes Schmankerl konnten wir mit einer elektronischen Feststellbremse umsetzen, das hat noch kein Quad oder ATV aus Serienfertigung.

Bei der Bedienung setzen wir auf die Qualität von Brembo“. Jörg benennt das fahrfertige Gewicht des Thunderstruck immerhin mit rund 740 Kilogramm, da muss die Fuhre sicher zum Stehen kommen. Gemeinsam mit seinem Angestellten Martin Geyer hat Jörg das Chassis in monatelanger Arbeit in vielen Abendstunden also quasi um den vorhandenen Motor und das Getriebe herum gebaut. Dabei gingen die Beiden stets nach dem Motto „Try & error – Versuch und Irrtum“ vor, also ausprobieren und erst wenn die Funktion zufriedenstellend ausfällt, final fertigen. So war auch die Krümmer- und Auspuffführung eine enorme Herausforderung, die letztlich durch einen kompletten Eigenbau gelöst wurde. Fahrwerksseitig griff Jörg auf die erstklassigen Dämpfer von YSS zurück. Der thailändische Hersteller hat sich weltweit in der Racing-Szene einen Namen gemacht und konnte auch für das Thunderstruck-Projekt die passenden Federelemente liefern. Hierbei war der deutsche Distributor sehr engagiert bei der Findung der passenden Teile. Das ein Quad dieser Dimension nicht auf gängigen Reifen stehen kann, war auch von Anfang an klar. Die ausgesuchten Felgen stammen aus dem PKW-Custom-Bereich von Keskin, die Reifen sind von Hankook und haben vorn die Größe 245/35-19 und hinten 305/30-19 und garantieren ausreichenden Grip in allen Lebenslagen.

Bei der Gestaltung der Kunststoffteile hat Jörg auch tief in die handwerkliche Trickkiste gegriffen. Aus dem Blech alter Ölfässer hat er die Karosserieteile geformt und als Vorlage den Abdruck aus GfK verwendet. Dabei sieht man die Liebe zum Detail an jeder Ecke, oder besser gesagt Rundung. „Der Tank hinter dem Fahrersitz hat derzeit nur praktischen Wert, wir werden die Form auf jeden Fall noch an die Linienführung der Front anpassen. Vor allem hatten wir anfangs die Befürchtung, dass wir den Tank zum Auspufftopf mit einem Hitzeschutz abgrenzen müssen, das hat sich aber als unnötig herausgestellt. Jetzt können wir uns wieder den optischen Ansprüchen widmen“. Mit dieser Aussage ist auch klar: Das Fahrzeug ist ein echtes Einzelstück und noch nicht wirklich fertig. Zumindest was den Feinschliff angeht. Technisch hat das Quad die bürokratischen Hürden der Straßenzu­lassung bereits mit Bravour bestanden. Dabei hat Jörg schon vor dem Projektstart stets den Kontakt zum örtlichen TÜV-Prüfer gesucht. Natürlich kennt man sich und kann auf jahrelange gute Zusammenarbeit setzen. Das macht viele Unwägbarkeiten kalkulierbar. Jörg war aber von Anfang an klar, dass er mit halbherzigen Lösungen nicht zum Ziel kommt. Am Ende stehen immerhin 110 kW und 186 km/h in der Zulassung. Wobei das programmierbare Motormapping durchaus noch Luft nach oben zulässt. Die alte Buick-Maschine leistete damals bis zu 158 kW im PKW-Modell „Special“.

Die Zulassung als LOF ist angesichts der gebotenen Leistung logisch und technisch dank einem weiteren Kniff relativ einfach. Eine abnehmbare Anhängerkupplung aus einem VW Touareg macht das Quad zur Zugmaschine. Genauso außergewöhnlich zeigt sich die Lenkungsgeometrie, die wir so an einem Quad auch noch nicht gesehen haben. Jörg bittet allerdings bei diesem Detail um Stillschweigen, weil er hier noch über eine Patentierung nachdenkt. Erwähnenswerte Details finden sich aber auch so noch genug. Die programmierbare Wasserpumpe aus einem Oberklasse-BMW zum Beispiel. Der riesige Kühler in der Fahrzeugfront sollte zwar stets für ausreichend Frischluft sorgen, aber die einstellbare Pumpe macht dennoch Sinn. Überhaupt ist die Elektrik ein wirklich nicht stiefmütterlich behandeltes Thema am Thunderstruck. Das fängt bei den Mini-Kontrollleuchten an, geht über die Micro-Tasten für diverse Funktionen, bis hin zur schlüssellosen Zündung und Motorstart per Fernbedienung. Das macht insbesondere beim Auftritt am Motorrad-Treff Eindruck. Die Sitzbank stammt von einer CFMOTO und wurde liebevoll für ein neues Leben aufgepeppt. Darunter verbirgt sich sogar ein veritabler Stauraum.

Donner und Doria!

Design ist ja immer auch Geschmacksache. Die Thunderstruck ist auf jeden Fall ein extravaganter Hingucker, der Aufmerksamkeit erregt. Das allerdings nicht nur fürs Auge, sondern auch für die Ohren. Während unserer Fotosession konnte uns der betörende Sound des Achtzylinders stets eine Gänsehaut bereiten. Laut sollte man denken, aber das stimmt nicht. Vielmehr wie ein italienischer Sportwagen deutet der Motor im normalen Fahrbetrieb nur durch präsentes Grummeln an, welche Gewalt da unter der Haube steckt. Erst mit zunehmender Drehzahl und wenn es auf die Landstraße geht, wird die Power auch aus einiger Entfernung spürbar. Wir dürfen dann auch selbst mal ein paar Runden drehen und können die schiere Kraft in einem Quad kaum mit etwas uns bekanntem vergleichen. Was wir auch schnell feststellen, die Thunderstruck ist alles andere als einfach zu handhaben. Der Lenker ist breit wie ein Ochsenkopf, trotzdem ist der Lenkwiderstand ziemlich groß. Allerdings lässt sich die Fuhre stur auf Kurs halten, wenn man den Kurvenverlauf erst mal eingeschlagen hat.  Die Sitzposition ist individuell einstellbar, insbesondere durch die exzentrisch verschraubten Fußrasten. Grundsätzlich ist die Sitzhaltung aber eher sportlich, auch wenn die Fahrzeugoptik viel mehr lockeren Cruiser-Style vermuten lässt.

Die Automatik gibt dem Fahrer viel Freiraum, um sich auf das wesentliche zu konzentrieren. Cool ausschauen. Aber bevor die Donner-Diva so richtig in Fahrt kommt, muss trotzdem eine Fahrstufe gewählt werden, was mittels eines kleinen Hebels rechts unter der Sitzbank passiert. Da muss man sich schon etwas hinstrecken, wenn man gleichzeitig den Bremshebel ziehen soll. OK, das könnte noch etwas praxisgerechter gelöst werden, aber Jörg stellt Besserung in Aussicht. Die Thunderstruck ist eindeutig ein Quad für echte Männer. Nicht nur wegen der nötigen Kraft für die Bedienung, man sollte auch über ein erwachsenes Ego verfügen. Jörg besitzt jedenfalls beides und kann sich gut vorstellen, seine persönliche Freude am Fahren auch anderen zu ermöglichen. Soll heißen: Eine Thunderstruck ist auf Bestellung und unter Berücksichtigung eigener Vorstellungen und Wünsche für fast jeden zu haben. Vorausgesetzt man verfügt über einige Monate Geduld und einen nicht unerheblichen Bargeldbesitz. Beides kann und will Jörg aber nicht exakt beziffern. Wer sich für ein echtes Einzelstück aus der QV8-Schmiede interessiert, der kann sich ja einfach mal melden, telefonisch unter 09252/916355 oder per Mail an joerg.springer@gmx.ch . Aber Achtung: Zu möglichen Risiken und Nebenwirkungen wie Kontostandrückgang und Sabberattacken fragen Sie vorher Ihren Bankberater oder die Ehefrau.

Text und Fotos: Frank Meyer

Magazinbeitrag aus 04/2017

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