Offener Schlagabtausch

Geschrieben von am 11. April 2020 in Allgemein, Can-Am, Polaris, Test + Technik

Konkurrenz belebt das Geschäft, so sagt man. Die beiden großen Hersteller vom amerikanischen Kontinent, Can-Am und Polaris, haben diesen Grundsatz längst verinnerlicht und übertreffen sich mit schöner Regelmäßigkeit bei der Entwicklung von neuen Modellen und technischen Innovationen.

So präsentierte Can-Am kürzlich das erste ATV weltweit, welches über ein Anti-Blockier-System verfügt. Aber ist Polaris deshalb tatsächlich ins Hintertreffen geraten? Wir haben uns für einen direkten Vergleich im beliebten Angebot der Mittelklasse bedient und stellen die neue Can-Am Outlander MAX DPS 570 T gegen die ausgereifte Polaris Sportsman 570 EPS.

Um das klar zustellen: Nur weil Can-Am jetzt die Outlander-Modelle optional mit einem ABS ausstattet, heißt das noch lange nicht, dass die Kanadier technisch die Nase vorn haben. So war Polaris im Bereich der Side-by-Side mit dem ABS im General 1000 EPS schon früher am Markt. Aber so geht es schon seit Jahren: präsentieren die Amerikaner bei Polaris eine Weltneuheit, kontern die Kanadier von Can-Am mit der nächsten technischen Innovation. So oder umgekehrt übertreffen sich die beiden Hersteller auch bei Leistungs- und Geschwindigkeitsdaten. Und kommt Can-Am mit dem völlig eigenständigen Dreirad-Konzept Spyder ums Eck, steht kurz darauf ein ebenfalls komplett neu entwickeltes Dreirad-Fahrerlebnis in Form des Slingshot bei ausgewählten Polaris-Händlern im Showroom. Am Ende gewinnt aber immer der Kunde, weil der sich aus einer stetig wachsenden Modellvielfalt die Rosinen herauspicken kann. Zusätzlich werden natürlich auch die anderen Hersteller, insbesondere die aus Fernost, zu ständiger Weiterentwicklung gezwungen, wollen die sich auch in Zukunft ein Stück vom Kuchen abschneiden. Wären da nur nicht die europäischen und insbesondere die deutschen Behörden, die den Herstellern und uns Kunden ständig mit neuen Regularien und Beschneidungen versuchen den Fahrspaß zu nehmen. Aber zum Glück bemüht sich die Industrie, wie eben jetzt Can-Am mit der Einführung des ABS im ATV-Sektor darum, da entsprechend gegenzusteuern. Aber das ist eine andere Geschichte, hier geht es im direkten Vergleich um zwei fast gleichwertige ATV der Mittelklasse, die aber auch gleichzeitig beispielhaft für einen Generationswechsel stehen.

Mehr braucht kein Mensch

Die Polaris Sportsman 570 bereichert schon seit einiger Zeit den Redaktionsfuhrpark als Dauertester. Dementsprechend sind wir mit den Eigenheiten und Eigenschaften der Maschine bestens vertraut. Seit 2014 ist die 570er jetzt unverändert im Programm. Kurz nach Markteinführung wurde dem jetzt motorseitig kleinsten Polaris ATV noch eine elektrische Lenkunterstützung spendiert. Ansonsten hält sich die Sportsman mit Neuerungen zurück. Das heißt aber nicht, dass sich das ATV vor irgendetwas verstecken müsste. Der Einzylinder-Motor mit 44 PS ist ein Quell der Freude, die CVT arbeitet ohne Fehl und Tadel, Fahrwerk und Bremsen sind auf der Höhe der Zeit und können im Gelände als auch auf längeren Touren voll überzeugen. Die derzeit aufgezogenen Carlisle Versa Trail Reifen haben daran sicher auch einen Anteil. Bei diversen Einsätzen hat sich die Sportsman schon als echtes Arbeits- und vor allem Zugpferd profilieren können. Bestwerte bei Zuladung und Anhängelast bestätigen das. Einziges Manko, unser Testfahrzeug ist zwar für zwei Personen zugelassen, verfügt aber über keinerlei Komfort-Extras für einen Passagier. Ganz im Gegensatz zu unserem Testmodell von Can-Am. Zwar gibt es die 570er Outlander auch als Standard-Version, die war aber als Testfahrzeug auf die Schnelle nicht aufzutreiben, weil die bei der deutschen Kundschaft nicht so stark nachgefragt ist. Einfacher zu bekommen – weil viel beliebter und kaum teurer – ist die MAX-Version, die wir schon wie so oft vom QJC-PowerSportCenter in Brühl zur freien Verfügung erhalten. Firmenchef Jürgen Flaig hat auch diesmal für unser Anliegen ein offenes Ohr und stellt uns die Outlander fahrbereit auf den Hof. Wirklich neu ist die Outlander allerdings auch nicht. Genau wie die Sportsman steht die optisch wieder etwas ursprünglicher gestaltet – weil nicht mehr so kantig wie die größeren Can-Am Modelle – seit 2014 bei den Händlern. Für das Modelljahr 2018 ist aber das erwähnte ABS als Option erhältlich. In der letzten Quadwelt-Ausgabe haben wir die Vor- und Nachteile dieses Systems bereits im direkten Vergleich zu einer 570er Outlander herausgearbeitet. Dabei ging es allerdings um vorher festgelegte Prozedere, wie eben die Ermittlung der Bremswege aus vorgegebenen Geschwindigkeiten usw.. Mit dem erneuten Vergleich zur Polaris wollen wir die Unterschiede der einzelnen Maschinen beim täglichen Einsatz herausfinden. Klar, auch dabei haben wir in erster Linie die Bremsen im Fokus. Bringt das ABS im Alltag tatsächlich Vorteile? Oder sind die beiden Fahrzeuge trotz unterschiedlicher Ausstattung doch ebenbürtig? Unsere Testfahrer Erik Pohl und Frank Schumacher haben sich bei einer Tour auf und abseits der Straße einen persönlichen Eindruck darüber machen können.

Erik

„Ich bin ehrlich gesagt schon sehr lange ein Freund der 570er Polaris. Insbesondere die stetige Weiterentwicklung und der aktuelle Stand der Sportsman können mich echt begeistern. Optisch kann das Modell voll punkten. Selbst die Tatsache, dass die hier zum Vergleich angetretene Outlander als Langversion eigentlich mehr hermachen müsste, für mich ist das Sportsman-Design sportlicher, ja aggressiver. Motorseitig reicht der Einzylinder für seinen angedachten Zweck völlig aus. Das klingt nicht nur kernig, das fährt sich auch so. Dabei macht die Polaris auch auf der Straße eine gute Figur, im Gelände sowieso. Da ist das vermeintlich veraltete McPherson Fahrwerk voll in seinem Element. Den kleinen Sportsman bin ich in den letzten Jahren recht häufig gefahren und finde die Performance für dieses Mittelklassemodell immer noch herausragend. Schade nur, dass der ganze Komfort nur dem Fahrer zugutekommt, ein Passagier muss sich schon mit den beengten Verhältnissen arrangieren. Das von Polaris entwickelte Lock & Ride Zubehörprogramm ist noch immer unerreicht, auch wenn gerade Can-Am da wirklich aufholt. Ich erinnere mich an die Erstbereifung MAXXIS Bighorn, die waren im Gelände echt top. Aber auf der Straße und insbesondere beim Bremsen fühlen sich jetzt die Carlisle tatsächlich sehr gut an. Auch wenn die Polaris bei unseren parallelen Bremsproben immer einen Hauch schlechter abgeschnitten hat. Deshalb würde ich schon sagen, dass das ABS der Can-Am ein richtiger und wichtiger Entwicklungsschritt ist. Die anderen Hersteller, allen voran Polaris, werden nicht lange hintenanstehen und ebenfalls bald entsprechende Bremssysteme entwickeln und anbieten. Wahrscheinlich dann auch gleich in Verbindung mit weiteren technischen Neuheiten im ATV-Bereich. Es gibt ja noch genug Technik-Zeugs, das im Pkw-Sektor schon selbstverständlich ist, da würde es mich nicht wundern, wenn demnächst auch andere Assistenzsysteme bei Quads und ATVs zum Standard werden. Für mich hat die Sportsman jedenfalls noch nichts an der ursprünglichen Faszination verloren. Vor allem wer mit seinem ATV auch Arbeiten erledigen will und auch Anbaugeräte in Erwägung zieht, dem würde ich die Polaris wärmstens empfehlen“.

Frank

„Privat besitze ich ja eine Can-Am Renegade, deshalb bin ich der Marke vielleicht etwas subjektiv zugeneigt. Aber die Outlander ist ja ein völlig anderes Fahrzeug, deshalb kann ich mir doch ein eigenes Bild machen. Grundsätzlich gefällt mir die 570er aber schon sehr gut. Die Fahrleistungen die ich erwartet habe, kann die Kleine aber dann doch nicht ganz erfüllen. Allein am Motor kann es nicht liegen, denn der ist ja eigentlich der schon etwas ältere 650er, der eben nur per CPU gedrosselt ist. Beim vollen Beschleunigen legt der Outlander eine kleine Gedenksekunde ein, wenn er aber mal losrollt, dann geht’s schon ordentlich vorwärts. In der Endgeschwindigkeit ist die Polaris ein wenig schneller, aber lahm ist die Can-Am deshalb nicht. Auch nervt der Zweizylinder nicht durch Vibrationen oder zu hohe Drehzahlen. Für zwei Personen ist das Fahrzeug wirklich optimal ausgestattet. Das Fahrwerk kann tatsächlich auch bei voller Beladung überzeugen. Komfortabel bügelt die Outlander alle groben Unebenheiten aus. Im Solobetrieb hebt es in engen Kehren schon mal ein Hinterrad aus. Das lässt sich aber alles gut händeln. Die neue ABS-Bremse macht einen ordentlichen Job, auch wenn man im Normalbetrieb keinen Unterschied ausmachen kann. Man muss schon ordentlich ins Pedal treten, um die Regelintervalle herauszufordern. Aber trotzdem, bei unseren Vergleichsbremsungen hatte die Can-Am fast immer einen, wenn auch kleinen Vorsprung, sprich kürzeren Bremsweg. Ob das allein ein Grund wäre sich für eine Outlander zu entscheiden? Für mich persönlich wahrscheinlich nicht. Allerdings würde ich der Outlander trotzdem den Vorzug vor der Sportsman geben, weil die Can-Am einfach die besseren Toureneigenschaften hat und selbst in der MAX-Version kaum teurer als die Polaris ist.

Nicht aufzuhalten

Unterm Strich stellen wir fest, dass die technische Entwicklung auch bei Quad und ATV nicht aufhört. Gut so. Auch wenn es manchmal nur kleine Schritte sind, wie zum Beispiel der neu konzipierte Gashebel an der Outlander, der sich binnen einer Sekunde um 180 Grad drehen lässt. Aber grundsätzlich sollten wir alle Bemühungen der Hersteller begrüßen, die sich in der Fahrsicherheit niederschlagen. Da ist das ABS ein gutes Beispiel für, auch weil dieses Feature keinerlei Nachteile mit sich bringt. So kann es gerne weitergehen, weil auch den spaßbremsenden Behörden die Argumente gegen unsere Schätzchen damit langsam ausgehen.

Text und Fotos: Frank Meyer

 

Technische Daten

Can-Am Outlander MAX DPS 570

Motor: Zweizylinder 4-Takt-Motor, flüssiggekühlt, Hubraum:  570 ccm, Leistung:  35,3 kW/48 PS, Kraftstoffversorgung: Elektronische Einspritzung, Startsystem: elektrisch, Getriebe: CVT-Getriebe, L-H-N-R-P,  Antrieb: 4×4, Kardan, Radaufhängung: vorne Doppelte A-Arms, hinten A-Arms, Stabilisator, Bremsen: vorne 2 hydraulische Scheiben,  hinten 1 hydraulische Scheibe, Reifen: vorne 25 x 8-12, hinten 25 x 10-12,  Maße: Länge 2.310 mm, Breite 1.168 mm, Höhe 1.330 mm, Radstand 1.499 mm, Bodenfreiheit 267 mm, Gewicht: 336 kg, Zuladung: vorne 54,4 kg, hinten 109 kg, Tankinhalt: 20,5 Liter, Farbe: orange,  Garantie: 2 Jahre

Preis:  ab 9.299 Euro

BRP Germany GmbH, Itterpark 11, 40724 Hilden, Tel. +49(0)2103/960680, ww.brp.com


Polaris Sportsman 570 EPS

Motor: Einzylinder 4-Takt-Motor, flüssiggekühlt, Hubraum: 567 ccm, Leistung:  32,8 kW/44 PS, Kraftstoffversorgung: Elektronische Einspritzung, Startsystem: elektrisch, Getriebe: CVT-Getriebe, L-H-N-R-P, Antrieb: 4×4, Kardan, Radaufhängung: vorne McPherson Aufhängung, hinten Doppelte A-Arms, Bremsen: vorne 2 hydraulische Scheiben, hinten 2 hydraulische Scheiben, Reifen: vorne   25×8-12, hinten 25×11-12,  Maße: Länge 2.108 mm, Breite 1.219 mm, Höhe 1.219 mm, Radstand 1.283 mm, Bodenfreiheit 279 mm, Gewicht: 330 kg, Zuladung: vorne 54,4 kg, hinten 82 kg, Tankinhalt: 17 Liter, Farbe: rot, grün, blau, Garantie: 2 Jahre

Preis:  ab 8.890 Euro

Polaris Germany GmbH, Schöneweibergasse 102, 64347 Griesheim, Tel. +49(0)6155/8875810,

www.polarisind.de

 

Magazinbeitrag aus 05/2018

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