Wer im Glashaus sitzt…

Geschrieben von am 25. März 2020 in Allgemein, Test + Technik

…sollte nicht mit Steinen werfen. Dieser Spruch könnte auch vom ehrwürdigen Hufschmied John Deere stammen, der im Jahr 1837 die nach ihm benannte Firma gründete. Der heutige Weltmarktführer in Sachen Landmaschinentechnik hat sich in den vergangenen 179 Jahren auch aus solch profanen Weisheiten stets erstrebenswerte Ziele gesteckt.

Vielleicht bleibt der Quasi-Erfinder der Side-by-Side Fahrzeugklasse auch deshalb so bescheiden, wenn es um die Präsentation eines neuen Modells geht. Dabei ist der Gator XUV 825i ein echtes Sport Utility Vehicle auch für Anwender außerhalb der üblichen Zielgruppe.

Zwei Schritte vor, einer zurück. So scheint sich die Modellpolitik bei John Deere zumindest in Bezug auf die Gator-Reihe zu gestalten. Anlässlich des großen 175-jährigen Firmenjubiläums präsentierte man der eingeladenen Presse in den USA zwei neue Gator XUV 625i und 825i, jeweils mit Benzinmotoren. Gleichzeitig wurde der Verkauf außerhalb des Mutterlandes in Frage gestellt. Für Europa und Asien sollten insbesondere die Neuentwicklungen XUV 550 und ein viersitziger Ableger eingeführt werden. Das sollte sich auch bewahrheiten. Den 550er mit frischer und ansprechender Optik haben wir bereits Anfang 2013 getestet. Das UTV hatte dennoch ein oder zwei kleine Mankos, nämlich zu wenig Leistung und die Höchstgeschwindigkeit von gerade mal 40 km/h. Das hat sich irgendwann auch in der Zentrale im US-Staat Ilinois herumgesprochen und so steht heute trotz der früheren Aussagen der XUV 825i auch in Europa zum Verkauf. Wie schon erwähnt, keine Neuentwicklung, aber eben schon bewährt. Jetzt dürfen auch wir ein John Deere Side-by-Side mit sagenhaften 70 km/h Höchstgeschwindigkeit über bundesdeutsche Asphaltbänder prügeln.

Verwirrende Modellpolitik

Gewöhnungsbedürftig ist die allgemeine Optik unseres Testfahrzeugs. Der XUV 825i hat äußerlich die Merkmale der großen Diesel-Brüder, aber die Spritzigkeit des kleinen XUV 550, allerdings mit noch mehr Bums. Außen also eher alt, innen dafür sehr modern. Der Dreizylinder-Einspritzmotor ist sogar topaktuell. Die elektronischen Steuerungs- und Kraftstoffeinspritzsysteme sorgen für erstklassiges Verhalten beim Start, im Leerlauf und bei der Gasannahme. Das maximale Drehmoment ist mit 63,7 Nm zwar nicht gewaltig, aber die erzeugten 50 PS reichen insbesondere im Arbeitsmodus immer. Das CVT-Getriebe verrichtet ebenfalls einen guten Job, einzig die abverlangte hohe Anfahrdrehzahl nervt etwas. Das treibt unnötig den erzeugten Geräuschpegel in die Höhe. Damit kommen wir auch schon zum Bauteil, das bei den Testern die meisten Fragezeichen hinterlässt, die geschlossene Kabine. Die ist komplett aus Glas und bietet eine gute Rundumsicht. Im Winter ist der Fahrer damit auch sehr gut vor extremen Wetterbedingungen geschützt, zumal John Deere unserem Testmodell auch noch eine Heizungsanlage spendiert hat. Man friert also nicht und wird auch nicht nass. Gut. Allerdings wird es ab zehn Grad Außentemperatur innen auch ohne Heizung schon ordentlich warm. Die großen Glasflächen heizen sich bei Sonneneinstrahlung ordentlich auf. Man kann zwar die Frontscheibe einen Spalt öffnen, dann zieht´s aber wie Hechtsuppe. Erfahrungsgemäß fährt sich der Gator ohne feste Türen fast noch am einfachsten, also die aufpreispflichtige Kabine bestehend aus Front- und Heckscheibe, sowie den Türen sollte gut überlegt sein. Ebenfalls nicht im Grundpreis enthalten sind die „Sportsitze“ mit integrierter Kopfstütze. Aber auch hier müssen wir sagen, dass die originale gelbe Bestuhlung völlig ausreicht.

Für den Fahrer gibt die Bedienung keine Rätsel auf. Lenkrad, Schalthebel, ein paar Schalter für Beleuchtung und den Allradantrieb sind gut erreichbar angeordnet. Das digitale Anzeigeinstrument hält ein paar nützliche Infos bereit und ist auch bei Tageslicht gut ablesbar. Der Schalter im Frontpanel für die Blinker ist nicht so gelungen. Getränkehalter, ein paar Ablagen und ein Staufach zwischen den Sitzen können auf der Habenseite notiert werden. Viel mehr braucht´s zum Arbeiten eigentlich auch nicht. Und mal ehrlich, trotz aller Bemühungen in Bezug auf die Fahrgeschwindigkeit, der Haupteinsatzzweck des Gator ist immer noch die Maloche. Und da zeigt der XUV 825i was ein ausgereiftes Side-by-Side leisten kann. Die kippbare sehr stabile Ladebox ist Europaletten tauglich und gut für 454 Kilogramm Zuladung. Verzurrösen und die stabile Reling können für die Ladungssicherung genutzt werden. Vorn sorgen 31, hinten immerhin noch knapp 27 Zentimeter Bodenfreiheit für gute Performance im Gelände. Da taugen auch die doppelten A-Arms an beiden Achsen und 20 bzw. 23 Zentimeter Federweg der einstellbaren Dämpfer. Wenn es mal richtig schwierig wird, helfen außerdem die Getriebeuntersetzung und die manuell zuschaltbare Differenzialsperre an der Hinterachse. Für die Verzögerung sorgen vier Scheibenbremsen und die wirksame Motorbremse. Außerdem gehört die Servolenkung ebenfalls zur Grundausstattung. Alles in allem bietet der XUV 825i also beste Voraussetzungen für den harten Einsatz auch in schwierigem Gelände.

Einsatzbereich erweitert

Der Entschluss bei John Deere, den XUV 825i auch in Europa anzubieten, war sicher nicht schlecht. Eigentlich unerlässlich, im einzigen Segment mit Wachstum. Side-by-Side haben potenzial. Und das man den großen Benziner-Gator auch frei laufen lässt, ist sicher kein Fehler. Der Einsatzradius erhöht sich damit enorm und mögliche Kaufinteressenten dürften in dem Arbeitsgerät ganz neue Einsatzvarianten sehen. Endlich kann man mit einem Gator auch mal über mehrere Ortschaften fahren oder eine Bundesstraße benutzen ohne Angst zu haben von einem heranbrausenden Sattelschlepper aufgeschnupft zu werden. Der 825i fällt dabei durch ein lässiges Handling auf. Der Motor läuft seidig, allerdings auch ziemlich laut, weil die Anfahrdrehzahl recht hoch ist. Die Kabine dämmt das aber ganz akzeptabel. Die serienmäßige Servolenkung funktioniert einwandfrei und vermittelt insbesondere auf Asphalt eine tadellose Rückmeldung. Auf losem Untergrund ist die Lenkung fast schon etwas zu leicht, das Fahrzeug neigt bei schneller Fahrt im Gelände zum Übersteuern und schiebt dann über die Vorderräder. Bei normaler Fahrweise lässt sich der Gator aber nicht aus der Ruhe bringen. Steile Passagen sind kein Problem, bis die aufgezogenen Terra Hawk Allzweckreifen sich mit Schlamm zusetzen, dann ist Feierabend. Für Geländefahrer eignen sich die optional erhältlichen Bighorn Maxxis sicher eher. Auf der Straße sind die Allzweckreifen aber die bessere Wahl. Bergab unterstützt die Motorbremse kraftvoll und verlässlich. Die vier Scheibenbremsen müssen beim Offroaden kaum eingesetzt werden. Um die Fuhre aus schneller Fahrt zum Stehen zu bringen, verlangt es dann aber nach einem kräftigen Fuß, der Bremsdruck könnte gern etwas höher ausfallen. Die Ergonomie für Fahrer und Passagier gehen für ein Arbeitsgerät mit Freizeitbonus schon in Ordnung. Das Lenkrad sitzt etwas tief und der Boden der Fahrgastzelle könnte griffiger sein. Ansonsten passt alles. Die „Sportsitze“ sind zum Glück ebenfalls eher komfortabel als sportlich, so lässt es sich auch ein paar Stunden hinterm Lenkrad aushalten. Womit wir noch mal beim Thema Vollkabine ankommen. Die mag wie schon gesagt im Winter ganz nützlich sein, in den wärmeren Monaten sollte man aber auf jeden Fall auf die riesigen Glastüren verzichten. Die sind aber mit wenigen Handgriffen abmontiert. Der Heizlüfter aus dem Zubehörsortiment ist da auch eher als Luxus zu betrachten, aber wer es gern warm hat, warum nicht? Sehr positiv aufgefallen sind die Beleuchtungseinrichtungen. Tagfahrlicht in „Angel Eyes“ Optik und die starken Fernscheinwerfer sind von Hella, die originalen Linsenscheinwerfer für das Abblendlicht sorgen für gute Ausleuchtung der Fahrbahn.

Treibhauseffekt

Um es ganz deutlich zu sagen, der John Deere Gator XUV 825i ist ein ernstzunehmendes Side-by-Side für den täglichen Arbeitseinsatz plus Freizeitmehrwert. Die Kabine – für die frischluftverliebten Quadwelt-Redakteure sicher kein Kaufkriterium – könnte im harten Alltag für den professionellen Anwender sehr nützlich sein. Sogar ein Einsatz im kommunalen Bereich ist dadurch möglich. Das der Benzin-Gator aber endlich in Bezug auf Endgeschwindigkeit den Anschluss an die Mitbewerber hält, ist insbesondere für den semiprofessionellen Privatanwender der in der Freizeit zum Holz machen in den Wald fährt oder zum Angeln an den See das viel wichtigere Argument. Dem ein oder anderen könnte die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers für das Grundmodell neben den zusätzlichen Kosten für zum Beispiel das Glashaus die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Aber mal ehrlich, es ist ein John Deere – also nicht heulen!

Text und Fotos: Frank Meyer

Magazinbeitrag der Ausgabe 03/2016

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