Maultierpfade und Wasserläufe

Geschrieben von am 1. Februar 2020 in Allgemein, Unterwegs

Der liebe Gott muss ATV-Fan sein! Die südfranzösische Ardèche schuf er offenbar genau für die Bedürfnisse eingefleischter Offroader. Ein wertvolles Kleinod in Europa, wo das Fahren noch möglich ist.

Es regnet selten in der Ardèche. Heute schon. Und während die Zweirad-Fraktion der Reisegruppe noch berät, was sie aus dem Tag machen sollen, drängen die ATV-Fahrer zum Aufbruch. Man ist sich einig, dass die Allradler dem Wetter und dem Boden trotzen werden. Tourguide Christian fügt sich in sein Schicksal und startet seine KTM. Gleich hinter dem Hotel in Joyeuse startet die Tour vom Veranstalter ENDUROFUN Tours.

Der nächtliche Wolkenbruch und der eingesetzte Dauerregen verwandeln jeden Weg in ein Bachbett. Doch statt auf den rutschigen Felsplatten zu verzweifeln, zaubert der Umstand den Tourteilnehmern eher ein breites Grinsen auf das verschwitzte Gesicht. Zwar können wir die Aussicht nicht genießen, sind aber fahrerisch umso mehr gefordert. Wir sind die ersten Vierrad-Freaks, die Christian durch die Gegend leitet. Bisher hatte er es nur mit herkömmlichen Enduro-Fahrern zu tun. „Wahnsinn was Eure ‚Dinger‘ alles können“, sagt er, als es eine Steilauffahrt in den Felsen hinauf geht. Selbst als er seine schmalsten Enduro-Wege aufbietet, folgt ihm seine Truppe mit viel Körpereinsatz.

Für jeden etwas

An den folgenden Tagen der Tour zeigt sich die Ardèche wieder von ihrer gewohnten, besten Seite. Goldener Herbst – die Laub- und Kastanienbäume leuchten golden über die üppige Hügellandschaft und ihre felsigen Schluchten. Bis rund 1.000 Meter reichen die Gipfel hinauf und bieten phantastische Aussichten.

Geschafft haben wir es dorthin über alte Maultierpfade, die einst dazu dienten, das wichtigste Gut der Ardèche zu transportieren – Esskastanien und Seide. Letztere züchtete man mittels Raupen auf Maulbeerbäumen, welche neben Olivenhainen auch weiterhin die Landschaft prägen. Es duftet nach Kräutern und Thymian. Auf dem Weg in Richtung Cevennen, einem weiteren Ausläufer des Zentralmassivs, geraten wir ins Schwärmen. „Das gibt’s doch gar nicht!“ Die Meinung der Fahrer ist einhellig, nicht nur ob der Vielfalt der unzähligen Schotter- und Waldwege. Denn nicht wie andernorts, sind sie hier legal befahrbar. „Wenn man sich an ein paar einfache Regeln hält“, weiß Christian, der seit seiner Kindheit in der Gegend eine zweite Heimat gefunden hat und sich dementsprechend bestens auskennt. Sogar Begegnungen mit der Jägerschaft – in den Städtchen und Dörfern reichlich vertreten – verlaufen in der Regel ohne Zwischenfälle. Man respektiert sich und der Franzose weiß offenbar, dass selbst der gröbste ATV-Reifen einem verblockten Karrenweg nichts anhaben kann.

So schwingen wir auf weitläufigen Trails in die Höhe, „bekämpfen“ unterwegs Wurzelteppiche und Geröllfelder. Mitten in der Einöde finden sich Naturschauspiele wie Grotten, Schluchten und Höhlen, welche schon zu Urzeiten von unseren steinzeitlichen Vorfahren bewohnt waren. Ebenso abgeschieden liegen uralte Ortschaften und ehemalige Maultierstationen, wo im Mittelalter Mensch und Tier rasteten. Heute sind sie oft eine urige Gastronomie mit lokalen Köstlichkeiten, so dass wir auch kulinarisch nicht zu kurz kommen. Was übrigens auch für den Partner von ENDUROFUN Tours an unserer Basis in Joyeuse gilt. Das Hotel glänzt vor allem mit leckeren Mahlzeiten, die im Preis der Ardèche-Tour enthalten sind. Enthalten ist auch die schier unglaubliche Ortskenntnis unseres Guides Christian, ohne den wir aufgeschmissen wären. Denn so schön die Gegend auch ist, ohne ortskundige Führung ist sie nicht empfehlenswert. Dafür bietet Jochen Ehlers den Enduro-Fans verschiedenste Möglichkeiten. Wer will, der kann sich beim Kanufahren oder Klettern eine Abwechslung vom Moped verschaffen oder die Familie derweil beschäftigen. Je nach Buchung kann die Tour auch die Besichtigung von Weingütern oder Olivenplantagen beinhalten, wo man sich für daheim mit Köstlichkeiten eindecken kann.

Fahren wie Gott in Frankreich

Die ATV-Truppe aus Deutschland hat anderes im Sinn. Und so folgen wir mal dem Flüsschen Beaume durch die Wälder oder dem Chassezac durch seine Felsschluchten. Brücken sind dünn gesät und daher muss manche Furt zum Vergnügen der ATVisten gefunden werden. Einige Zeit folgen wir dem abenteuerlichen Verlauf einer ehemaligen Bahnstrecke. Nur der grobe Schotter lässt das einstige Gleisbett noch erahnen. Zugewucherte Abschnitte und lange, düstere Tunnel machen den Reiz dieser Etappe aus. Die alten Brücken und Steinviadukte müssen konzentriert befahren werden, da sich um deren Instandhaltung naturgemäß nun niemand mehr kümmert. Rechts und links der Route laden wieder Geröllfelder und Wege jeglicher Off-Road-Kategorie zum Fahrzeugtest ein.

Erst am Abend eines jeden Tourtages, wenn unsere Körper und Fahrzeuge schon lange Schatten werfen, kehren wir nach Joyeuse zurück, wo wir wieder auf die Zweiradfahrer treffen. Die Dreckspritzer auf ihren Maschinen, die verschwitzten Shirts und die lebhaften Erzählungen lassen darauf schließen, dass sie einen ähnlich geilen Tag hatten wie wir. Ausgedehnt – mal gemütlich, mal forciert – auf interessanten Wegen in herrlicher Landschaft die Fahrzeuge mal wieder artgerecht bewegen: DAS ist die Ardèche, DAS ist Enduro-Wandern. Ja, es ist hier noch möglich.

Der liebe Gott muss ein ATV-Fan sein!

Text: Ralf Wilke   Fotos: Ralf Wilke, Christian Weber

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