Klassik-Test: Haili SP 350 B

Ein Satz mit X? Nun haben wir uns trotz den bisherigen Erfahrungen mit den 100 prozentigen China-ATV doch wieder breitschlagen lassen eine 250er aus der Produktpalette von Haili zu testen. 

Unser Urteil fiel recht positiv aus und wir sahen bereits Land am Horizont für die Chinesen. Entsprechend gespannt haben wir dann lange auf eine neue Herausforderung in Form der hier gezeigten Haili SP 350 B gewartet. Bereits im Frühjahr vom deutschen Anbieter „2wheel4wheel“ angekündigt, wurde es dann doch Sommer. Schon kurz nach dem der Speditions-LKW das Testfahrzeug auf den Hof spuckt, ist eine Antwort auf die Eingangsfrage gefunden: War wohl nix!

Achtung; das hier gezeigte Fahrzeug wird aktuell so nicht mehr angeboten. Der Test stammt aus 2012. Allerdings finden sich noch einige Gebrauchtfahrzeuge im Bestand.

Achtung; das hier gezeigte Fahrzeug wird aktuell so nicht mehr angeboten. Der Test stammt aus 2012. Allerdings finden sich noch einige Gebrauchtfahrzeuge im Bestand.

Ehrlich, nach der Erfahrung mit der 250er Haili aus dem letzten Jahr waren wir recht optimistisch, auch mit dem jetzt gelieferten Modell SP 350 B weitere Verbesserungen feststellen zu können. Leider wurde ein erster Startversuch durch eine entladene Batterie verhindert. Nachvollziehbar, das die Motivation auf eine erste Testrunde schon einen leichten Dämpfer erhält. OK, also erst mal eine Nacht an die Ladestation. Beim zweiten Versuch startet der Motor ohne Mucken und brüllt mit Unterstützung des Chokes so etwas wie unbändige Lebensfreude aus den beiden Edelstahltüten am Heck. Die erste kleine Runde auf dem Redaktionsgelände entschädigt komplett für das Startdesaster vom Vortag. Der wassergekühlte Einzylinder-Motor dreht munter die Drehzahlleiter hinauf, die Getriebeuntersetzung passt wirklich sehr gut zum Layout des Fahrwerks und der Reifen. Bei der zuletzt gefahrenen 250er war dies noch einer der größten Kritikpunkte, allerdings lag das Problem damals an der völlig überdimensionierten Reifen-Felgen-Kombination.

Haili 350: Das Quad aus China wird vom deutschen Anbieter als „Race Quad in Off-Road-Version“ beworben.

Auf ein Neues

OK, also rein in die Klamotten und erst mal ab zur Tanke. Vorher haben wir allerdings das wohl peinlichste Zubehörteil in der Quad-Historie abgeschraubt, das es bisher gegeben hat, die Sissy-Bar. Keiner von uns wollte mit diesem 80er Jahre Relikt in der Öffentlichkeit gesehen werden. Auf einer Runde über die Dörfer der Umgebung holt man sich einen ersten Fahreindruck. Der erste Eindruck ist der, den der eigene Hintern auf dem viel zu dünnen Sitzpolster hinterlässt, nämlich ein ganz tiefer. Nach einer halben Stunde ist das Polster mit der Konsistenz einer Schaumwaffel bis auf die Unterform durchgesessen. Leider verharrt das Sitzmöbel in der gepressten Weise und erholt sich nicht vom Druck des Fahrerhinterns. Auch ist die vorgegebene Sitzposition durch den tiefen Einschnitt nicht für jede Körpergröße ideal. Mit rund 1,80 Metern Größe sitzt man eher angespannt und leicht zusammengefaltet. Bei kleineren Personen passt das vielleicht besser. Der Geradeauslauf auch bei höherem Tempo ist durchaus akzeptabel. In engeren Kurven reagiert die Lenkung etwas schwammig, das kurveninnere Hinterrad verliert schnell die Bodenhaftung. Aber das passiert ganz soft und lässt sich mit dem Gashebel stets gut abfangen. Mit leichter Bergab-Unterstützung zeigt der Tacho irgendwann dreistellig die 100 an. Ob das realistische Werte sind, konnten wir nicht nachprüfen. Angenehm ist das 6-Gang-Getriebe, das vor allem sauber abgestuft arbeitet und im letzten Gang die Drehzahl senkt, ohne an Leistung einzubüßen. Richtig unangenehm sind die Vibrationen, die der Lenker an die Hände überträgt. Nach einiger Zeit im höheren Drehzahlbereich werden die Finger hochfrequent malträtiert, das fühlt sich an wie 1000 Nadelstiche. Trotzdem, im Kopf des Redakteurs formt sich bereits ein erstes Fazit, das umgehend nach der Fahrt festgehalten werden will. Leider wird man aber viel zu schnell von der Realität aus seinen positiven Eindrücken gerissen.

Der Blinker links hängt nur noch am Kabel, der Blinker rechts zeigt nur noch den Reflektor. Während der Fahrt schon als störend empfunden, zeigt sich, dass das linke Hosenbein am Krümmer irreparable Schäden erlitten hat. Schade um die schönen Cross-Pants. Die Brandstelle auf der Haut wird sicher wieder heilen. Der Tacho zeigt gerade mal 40 Kilometer Wegstrecke, obwohl unsere Testrunde exakt 50 Kilometer beträgt. Ein Check zeigt, der Tacho hat Aussetzer. Man ist angesichts der Umstände noch hin- und hergerissen. Die Testrunde war durchaus in Ordnung, vor allem der Motor ist ein Quell der Freude. Auf der anderen Seite muss man aber feststellen, die Bremsleistung der vorderen zwei Scheiben ist trotz Stahlflexleitungen schwach. Der Bremshebel lässt sich bis an den Lenker auf Anschlag ziehen. ABS auf Chinesisch, ein Blockieren der Vorderräder ist jedenfalls nicht zu erzwingen. Die hintere Einzelscheibe greift dafür vehement zu. Allerdings ist der hintere Bremskreislauf maßgeblich auch daran schuld, dass wir uns zu einem vorzeitigen Ende der Testfahrten entschließen und somit auch kein einziges Fahrbild für diesen Beitrag im Kasten haben. Dumm gelaufen, aber die Sicherheit geht einfach vor. Wo liegt das Problem? Bei der Rückkehr von der Testrunde haben wir festgestellt, dass die hintere Bremsscheibe während der Fahrt ständig leicht schleifte. Grund dafür war der Fußbremshebel, der nicht über ausreichend Freigang verfügt, weil er an der Fußraste anschlägt. Durch das leichte Schleifen der Beläge auf der Scheibe hat sich diese erhitzt, ausgedehnt und damit die Bremswirkung noch zusätzlich erhöht. Weil wir hier konstruktiv nicht auf die Schnelle eine Lösung parat hatten, war für uns der Fahrtest mit der Haili SP 350 B beendet. Zu gern wären wir mit dem „Race Quad in der Off-Road-Version“ (Beschreibung des Anbieters) auch noch ins Gelände gefahren, um das Fahrwerk mal so richtig zu fordern, aber man soll sein Schicksal auch nicht unbedingt herausfordern.

Auch diesmal: Nix!

Schade, mit ein wenig mehr Engagement und Vorbereitung von Seiten des Anbieters wäre unser Urteil vielleicht etwas positiver ausgefallen. So bleibt einfach ein schlechter Eindruck, der sich auch nicht von der Motorleistung wirklich aufbessern lässt. Und selbst für die Verfechter der Chinaware und die engagierten Schrauber wird die Argumentation schwierig, wenn man sich den Preis von ca. 3.000 Euro ansieht, der für dieses Fahrzeug aufgerufen wird. Zwar finden sich teils erhebliche Unterschiede bei den Preisangaben auf der Webseite des Anbieters und dessen eigenem Ebay-Angebot, aber das muss jeder selbst bewerten. Das gilt im Übrigen auch für die blumige Produktbeschreibung für dieses und weitere Fahrzeuge im Angebot von www.shop.2w4w.de, wo man auch die technischen Daten und weitere Gebrauchshinweise für das hier vorgestellte Fahrzeug findet.   Aktuelle Ergänzung: Die im Text angegebene Import-Adresse ist im Netz nicht mehr erreichbar. Vielleicht auch gut so.

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