MX Of Nations

Bonus-Material zur Story im Heft: Lest mehr über den fulminanten Sieg der US-Boys bei den „Quad of Nations“.

Jedes Jahr wird er herbei gesehnt: der jährliche Motocross-Shutdown der europäischen Nationen. 2017 jedoch fieberten zum allerersten Mal in der Geschichte des Quad-MX-Sportes die Fans dem Schlagabtausch der amerikanischen Vollprofis mit den schnellsten europäischen Motocross-Fahrer entgegen. Die drei US-Legenden Chad Wienen, Joel Hetrick und Thomas Brown waren gesetzt, um in die Schlacht mit den europäischen Konkurrenten zu ziehen. Das US-Team hatte einiges im Vorfeld dafür getan, dass man sich den Übersee-Ausflug leisten konnte. So wurden z.B. in den letzten Wochen vor Reiseantritt Fahrerlehrgänge in ihrer Heimat angeboten, um das notwendige Kleingeld für den Ausflug nach Europa zu sammeln und das Vorhaben USA vs. Europe auf eine finanziell solide Basis zu stellen. Neben den USA waren aber auch noch die Nationen Australien und Argentinien von weither angereist. Deren stärkste Fahrer waren also ebenfalls am Start. So fanden wir das bisher definitiv hochklassigste internationale Feld aller Zeiten zum Kräftemessen in Italien am Startgatter.

Zu Gast in Cingoli

Bestens präparierte Verhältnisse.

Für den Wettbewerb kehrte man zurück dorthin, wo bereits vor vier Jahren die stärksten Quadpiloten gegeneinander antreten wollten. Wollten? Ja, denn 2013 musste die Veranstaltung aus einem schrecklichen Grund abgebrochen werden: Der 19-Jahre junge schottische Pilot Connor Smith verunglückte im ersten Wertungslauf tödlich. Aus diesem Grunde setzte der MotoClub Cingoli Connor ein Denkmal an der Strecke. Die unschöne Vergangenheit soll niemals in Vergessenheit geraten. Dieser traurigen Erinnerung gegenüber stand eine wunderschöne, schnelle und bestens präparierte Naturstrecke. Und so konzentrierten sich alle Beteiligten auf die mit Hochspannung erwarteten Qualifikationsrennen. Neben der Quadklasse gab es außerdem auch die Nationenwertung der Sidecars an dem Wochenende. So konnten die Zuschauer ein stark gefülltes Fahrerlager mit den besten Fahrern weltweit aus zwei Motorsportdisziplinen bestaunen. Die Teams und deren Lager waren hautnah zum „Anfassen“, Motorsport der Extraklasse!

Das deutsche Team

Unsere Fahrer gaben alles, „verkauften“ sich gut!

Das deutsche Team wurde dieses Jahr gewissermaßen etwas im stillen Kämmerchen zusammengestellt. Auf vorherige Anfrage beim DMSB, wer denn für unsere Nation an den Start geht, kam nur Unverbindliches. In den sozialen Medien wurde plötzlich das Team auf Stefan Schreibers Facebook Account bekanntgegeben. Stefan selbst war gesetzt als Führender in der Deutschen Meisterschaft. Daneben wurde Manfred Zienecker aufgestellt, nach einer sehr ruhigen Saison ohne viel Rennpraxis. Manfred war zuletzt beruflich fest eingespannt im Baugeschäft seines Vaters. Jedoch gilt „Manni“ als eines der größten Talente in unserem Sport und hat auch Erfahrung auf dieser Strecke, wo er 2013 in der Qualifikation schon einen richtig starken 2.Platz einfahren konnte, bevor der Rennabbruch erfolgte. Vervollständigt wurde das Team von Andre Hoßfeld, der zum aktuellen Zeitpunkt der Bekanntgabe der Aufstellung auf dem besten Rang in der Deutschen MX-Meisterschaft nach Stefan Schreiber stand und als Ziel hatte, gute Positionen im vorderen Mittelfeld zu erkämpfen in diesem Hochkaräterfeld.

 

Qualifikation

Auftritt der US-Boys.

Team USA machte in den Quali`s schnell klar, wer in Cingoli das Sagen hat. Mit Holeshotes und den messbar eindeutig schnelleren Rundenzeiten stellten die US-Boys die Hoffnungen der restlichen Teams auf einen Sieg in eine überschaubare Relation. Im ersten Qualifikationsrennen konnte jedoch Stefan Schreiber einen astreinen 2.Platz hinter Thomas Brown (USA) erreichen und somit war eine sehr gute Marke gesetzt fürs Team Germany.
In Qualirace 2 zeigte dann wiederrum ein US-Amerikaner, nämlich der Hondapilot Joel Hetrick, mit einem Vorsprung von 24 Sekunden auf den Franzosen Yoann Gillouin vor weiteren 23 Sekunden Abstand vor dem Briten George Day, wie der Hase läuft. Andre Hoßfeld holte sich einen respektablen 10.Platz von den 17 angetretenen Piloten. Es hatte zu diesem Zeitpunkt noch alles gut ausgesehen für eine Topplatzierung für „schwarz-rot-gold“.
Quali 3 war dann für unser deutsches Team der erste Schmerzpunkt. „Manni“ Zienecker schied nach drei Runden mit Motorproblemen aus und musste zusehen wie wiederum der Laufsieg an USA ging (Chad Wienen), gefolgt dieses Mal vom starken Italiener Simone Mastronardi und dem Iren Marc Mclernon.

Die Amis haben es einfach drauf.

Auffällig war zu diesem Zeitpunkt, dass wohl die Nationen mit einer gleichmäßigen Mannschaftsleistung die größeren Chancen haben würden, vorne mitzuspielen, als die Teams mit vereinzelt starken Einzelkämpfern aber ohne geschlossene Teamleistung. So fand man u.a. Frankreich und Italien, aber auch Irland, Niederlande und die Briten in den vorderen Rängen mit gleichmäßig guten Ergebnissen. Deutschland durch „Manni`s“ Ausfall auf Platz 10 und noch alles offen, doch die Markierungen und Duftnoten waren dadurch am Samstag gesetzt.

In der Nacht zum Sonntag dann ging es für die Deutschen darum, Zieneckers KTM wieder zum Leben zu erwecken. Obwohl die deutschen Piloten alle drei auf KTM-Quads an den Start rollten, hatte keiner der Fahrer einen Ersatzmotor dabei. Durch eine Leihgabe der Nockenwelle des Niederländers Daniel Willemsen aus dessen WSP-Ausstellungs-Quad konnte es am Sonntag zum Glück weitergehen. Das war unbestritten eine sehr kollegiale Handlung des mehrfachen Seitenwagen-Weltmeisters über Nationendenken hinaus. Die KTM stand also am Sonntag morgens wieder bereit zum Einsatz.

„Feindkontakt“ gehabt. Schreibers Quad fällt aus.

That’s racing

Am Sonntag wurde es ernst und die Karten neu gemischt. In drei Finalläufen wurden die Nationen gesucht, die genug Pace, Teamspirit und Kampfesgeist mitgebracht hatten, um zur Belohnung am Abend das Podium zu erklimmen.

Finale 1

Holeshot für Joel Hetrick (USA) und die Meute kämpfte hart um gute Anfangspositionen. Stefan Schreiber erwischte es in einer Starthakelei und er war nur etwa auf Platz 25 in der ersten Kurve zu finden. Unser zweiter deutscher Fahrer in diesem Lauf Andre Hoßfeld war einige Plätze vor Schreiber. Gut im Rennen die beiden Franzosen und Iren. In den ersten vier Runden konnten die Zuschauer einen fulminanten Kampf von Stefan Schreiber erleben, der um jeden Preis nach vorne kommen wollte. Eine schnellere Runde als die andere und Stefan war bereits in Runde 3 auf Platz 10. Weitere vier Fahrer kämpfte sich unser Topfahrer nach vorne bis er aus Runde 5 plötzlich nicht mehr am Ziel vorbeikam. Nach einer Kollision mit einem irischen Fahrer flog Schreiber aus der Kurve und sein Quad knallte gegen einen Bagger. Ziemlich viel Altmetall wurde bei der Aktion erzeugt. Gottseidank aber nur das und der Sturz hatte keine größeren Verletzungen zur Folge. Mit einer gerissenen Kette konnte auch Andre Hoßfeld diesen Lauf nicht beenden. So war es mit der guten Position in Lauf 1 dahin und das Team Deutschland war ohne guten Einstand aus dem ersten Finale herausgekommen.

Spannende Positionskämpfe.

Finale 2

USA at it`s best: Ein Doppelsieg von Chad Wienen und Joel Hetrick folgte. Makellos war dieser Lauf aus deren Sicht schon von Anfang an, denn Yamaha-Pilot Wienen schaffte es aus zweiter Startreihe an allen anderen Startern vorbei und direkt hinter seinem Landsmann in die erste Kurve einzubiegen. Diese Doppelführung ließen sich die beiden Cracks auch bis zur Zielflagge nicht mehr nehmen. Danach im Doppelpack folgten die beiden Franzosen Adrian Mangieu und Yoann Gillouin, die damit wichtige vordere Platzierungen für das Gesamtklassement sammelten. Doch siehe an, Manfred Zienecker kämpfte sich auf den 5. Platz, nachdem er eine astreine Leistung auf der Naturstrecke von Cingoli zeigte. Viele europäische Spitzenfahrer konnten den Speed von Manni nicht mitgehen. Andre Hoßfeld wurde immerhin noch 22 der gestarteten 30 Fahrer, nachdem vier Runden vor Schluss seine Schaltwelle den Dienst versagte. Mit einem respektablen Ergebnis gingen so unsere Landsmänner in den endgültig letzten Lauf.

Finale 3

In der Zwischenzeit zogen nicht nur dunkle Wolken auf, sondern diese öffneten auch pünktlich vorm Start zum dritten Wertungslauf die Schleusen. Mit Spannung wurde nun der letzte Start des Tages unter den komplett anderen Bedingungen erwartet. Und siehe da, das Startgatter fiel und es war der Italiener Andrea Cesari, der den Holeshot holte. Dicht hinter ihm schnüffelte bereits Thomas Brown (USA) am Heckbumper. Chad Wienen gelang dieses Mal nicht der schnelle Start aus zweiter Reihe, sondern er musste sich ungefähr auf Platz 8 einreihen. Manfred Zienecker konnte wiederum einen ansehnlichen Start hinlegen und lag ebenfalls im vorderen Mittelfeld. Im Laufe des Rennens konnte sich Manni auf den 4. Platz vorkämpfen. Erst ganz kurz vor Schluss schaffte es Chad Wienen doch noch an ihm vorbei. Einen großen Moment feierten die zahlreich angereisten italienischen Zuschauer, als Andrea Cesari extrem zielstrebig in der Mitte des Rennens an Joel Hetrick vorbei an die Spitze fuhr. Jedoch wenig später riss seine Kette und er musste aufgeben. Vermisst wurde Stefan Schreiber in dessen zweiten Auftritt im Finale. Leider konnte man sein Renn-Quad nicht wiederherstellen. Der Schwabe wartete aber nicht mehr bis zum Veranstaltungsende und war bereits auf dem Heimweg, während sein Teamkamerad noch um eine gute Platzierung kämpfte. Der Lauf konnte nicht komplett bis zum Ende ausgetragen werden, da der Nebel durch die tief hängenden Regenwolken so stark wurde, dass die Rennleitung das Geschehen abbrechen musste. Die Fahrer berichteten unisono nach dem Rennen, dass sie an den großen Sprüngen keine Landezone mehr erkennen konnten, also schien die Entscheidung absolut richtig gewesen zu sein.

Viele Fans, Nationen und Fahrer – eine tolle Atmosphäre.

Fazit

Quad-MX-Racing, wie man es zuvor noch nie in Europa sehen konnte: die USA gegen den Rest der Welt. Die US-Amerikaner dominierten das Aufeinandertreffen der Nationen. Auf trockener Strecke schienen die Vollprofis unschlagbar, jedoch gab es plötzlich bei Regen und Schlamm eine Schlacht auf Augenhöhe mit den schnellsten Europäern. Alle Beteiligten waren begeistert von der Rennstrecke und den harten Fights, und zum Glück ging die Veranstaltung ohne derbe Verletzungen zu Ende. Hinter den USA platzierten sich die Mannschaften, die am besten in der Lage waren, Geschlossenheit, Teamspirit und Kampfeswillen an den Tag zu legen. So wurde Frankreich Zweiter und die irischen tollkühnen Männer auf Ihren fliegenden (älteren) Kisten ergatterten den dritten Podiumsplatz. Für Deutschland sprang der 11.Platz heraus. Es wäre sicherlich wesentlich mehr drin gewesen, aber Erfolg und Misserfolg liegen manchmal eng beieinander. Oft entscheiden nur Nuancen und somit sind die Grenzen zwischen Kämpfen und Überpacen eng gesteckt.

Stimmen der Deutschen Fahrer:

Andre Hoßfeld:
„Das war ein schönes Event und ich habe mich sehr gefreut, in diesem tollen Starterfeld dabei zu sein und mit solchen Fahrern auf höchstem Niveau auf dieser sehr coolen Strecke zu fighten. Allerdings fand ich es vom Teamzusammenhalt her nicht so gut. Das deutsche Team muss noch an sich arbeiten. Ansonsten hat es mir wirklich riesig Spaß gemacht und ich würde mich freuen, wenn ich wieder die Chance bekommen würde, erneut daran teilzunehmen.“

Manfred Zienecker:
„Also ich bin mit großer Freude zu der Veranstaltung gefahren, da ich ja schon dort war und ich wusste, dass es eine perfekte Veranstaltung wird. So war es dann auch: das Wetter, die Atmosphäre, die Fans und das ganze Drumherum haben dieses Event perfekt gemacht. Auch wenn meine Leistung am Samstag leider wegen technischer Probleme nicht da war, bin ich mit den Ergebnissen von Sonntag mehr als zufrieden. Mit zwei 5. Plätzen konnte ich mich noch ganz gut beweisen, da es im Vorfeld ja viel Kritik über meinen Start gab. Ich habe alles gegeben für Deutschland, um unser Land zu vertreten. Doch leider war das Glück nicht auf unserer Seite.“

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Text, Fotos & Videos: Jürgen Mohr

 

 

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