Die Mutter aller UTVs

Geschrieben von am 21. Januar 2015 in Szene

Wir waren auf der Suche nach den Ursprüngen unserer Quads und ATVs und fanden Fauns Kraka. Die Mutter aller UTVs!


image001Es gibt Dinge, die im Laufe der Zeit durch findige Forscher und Genies entdeckt oder entwickelt wurden, die unser aller Leben durchaus radikal veränderten. Beispielsweise die Glühbirne, der Motor oder der Bieröffner! Ohne diese Erfindungen wäre unser Leben dunkel, langsam und trocken. Aber dank gewiefter Geistesarbeiter, die fernab der gleichaltrigen Intelligenzallergiker, ihren Verstand dazu benutzten, schöpferische Einfälle auszutüfteln, leben wir in unserer hochspezialisierten Welt. Jene technischen Entwicklungen halfen unser Leben zu vereinfachen, stammten aber oftmals aus den militärischen Gedankenschmieden und wurden erst im späteren Verlauf auf zivile Sektoren übertragen. Die Neigetechnik moderner Züge beispielsweise stammt von der Kanonenstabilisierung verschiedener Panzer ab und konnte mit speziellen Anpassungen dazu genutzt werden, Züge noch schneller durch Kurven eilen zu lassen. Aber hat auch unser geliebter vierrädriger Feuerstuhl einen militärischen Ursprung und wurde durch hundertausende Wehrpflichtige über geheime Übungsstrecken in noch geheimeren Regionen geprügelt? Wir haben recherchiert und vergleichen einen Arctic Cat Prowler mit der möglichen Mutter aller UTVs – der Faun „Kraftkarre“, kurz Kraka.

Klappbar und einsatzbereit

Dabei kam nicht das Team der Quadwelt als erste auf die Idee, es handle sich bei dem Bundeswehr-Fahrzeug tatsächlich um die Mutter aller Quads – auch Herr Hartung aus Reiser ist davon überzeugt. Als Besitzer eines Kraka, dem Kraftkarren und nicht Kraftnarren, der Bundeswehr, ist Herr Hartung begeistert von den Fähigkeiten des klappbaren Fahrzeuges – gleichzeitig aber auch Quad-Verkäufer und demzufolge fundierter Ansprechpartner für unseren augenzwinkernden Vergleich. Die Idee, das Kraka könnte die Mutter aller UTVs sein, ist nicht einfach wegklappbar, wie es das Kraka selbst ist, denn optisch ähneln sich die Fahrzeuge sehr wohl. Vier riesige Räder, ein Lenkrad und einige Sitzplätze – Gemeinsamkeiten sind augenscheinlich vorhanden. Entwickelt in den frühen Jahren der militärischen Verteidigung Deutschlands, sollte das Faun Kraka verschiedene Infanterieeinheiten mobil und effizient verlastbar machen, immer darauf bedacht Platz und Gewicht für den luftgestützen Transport möglichst effizient zu nutzen. Zwei Fahrzeuge konnten, miteinander verbunden, aus Flugzeugen abgeworfen werden und segelten sicher an einem belastbaren Fallschirm zur Erde, wo sie durch ebenfalls abgesprungene Soldaten montiert und zur Verlastung von Waffentechnik genutzt wurden. Mit einem Eigengewicht von knapp 700 Kilogramm ist die Kraftkarre aber deutlich schwerer als heutige Arbeitsgeräte und kann mit Recht als Schwergewicht oder Dickerchen bezeichnet werden. Die Ausrede: Spaß und Fahrdynamik standen nicht im Lastenheft der beteiligten Entwickler und wurden von den Ingenieuren vernachlässigt. Grund: mehr als das eigene Gewicht musste das kleine Krabbeltier schleppen und so auch schweres Waffengerät ab 1968 aus der Transall, dem Transportflugzeug der Bundewehr, holen oder als Rüstsatzträger durch gespielte Gefechte eilen. In diesem Fall musste ein derart eingesetztes Fahrzeug zuverlässig und stabil sein – wer möchte schon mit einer riesigen Kanone auf der Rücksitzbank sang- und klanglos zusammenbrechen oder wilde Fahrmanöver über sich ergehen lassen, die die heikle Fracht kräftig durchschütteln und an die Grenze der Explosion bringen? Nein, wir nicht – wir hängen an unserem Leben! Genau wie die Entwickler der damaligen Zeit.

Als Arbeitstier ist zwar auch der Prowler von Arcticcat zu bezeichnen, seine Zuladung von knapp 270 Kilogramm erscheint aber winzig im Vergleich zur Fähigkeit des Kraka, mehr als 700 Kilogramm schleppen zu können. Eine kleine Kalaschnikov oder die moderne MP5 in dutzendfacher Ausführung könnte aber auch der Prowler tragen – wenn er den wollte. Längst aus den Diensten der Bundeswehr verabschiedet und in den Ruhestand versetzt, muss das kleine Krabbeltier heute keine Panzerabwehrlenkraketen oder die Maschinenkanone MK 20 Rh 202 von Rheinmetall schleppen, sondern beschauliche Rundfahrten oder, viel männlicher, Touren in den Wald über sich ergehen lassen.

 Wie alles begann

Zu Beginn der Entwicklung des Kraka standen den Tüftlern keine passenden Pneus zur Verfügung und mussten ebenso entwickelt werden, wie der geniale Klappmechanismus. Um dem Anspruch gerecht zu werden, auch in unwegsamen Geländen ausreichend zügig und sicher unterwegs zu sein, musste ein Reifen entwickelt werden, der eben jene Eigenschaften gewährleisten konnte. Nicolas Straussler steuerte daher seinen Lipsoid-Reifen bei, der in einigen Kreisen als der erste Offroad-Niederquerschnittsreifen bezeichnet wird. Über beste Offroadfähigkeiten verfügend, konnte der Reifen gleichzeitig auch eine Notlaufeigenschaft aufweisen, die es ermöglichte, das Fahrzeug noch 50 Kilometer ohne Reifendruck zu bewegen. Militärisch ein riesiger Vorteil. Und auch der Prowler kämpft sich durch fast jedes Gelände. Ohne Waffen versteht sich. Verschiedene Trophys bewiesen es: UTVs wie der Prowler von Arctic Cat werden durch gewiefte Fahrer durch fast jedes Geländeprofil getrieben – Weiterfahrt fast überall. Ein Platfuß aber bremst jedes Können ein. Nicht so bei Fauns Kraka. Herr Hartung weiß um die Besonderheit jener Reifen und lagerte vier dieser Pneus als Reserve ein.

Begann die Entwicklung der Kraftkarre noch zu zivilen Katastrophenschutzzwecken, mussten die Ingenieure schnell einsehen, dass nur wenig Nachfrage existierte und Bauern lieber mit einem Traktor über die weiten Felder der landwirtschaftlichen Betriebe fuhren. Auch erste Versuche der Bundeswehr waren niederschmetternd – zu wenig Leistung. Zügiges Fahren war so nicht möglich. Erst als der „Luftverlastbare Rüstsatzträger“, so die offizielle Bezeichnung, mit einem größeren Motor aus dem Hause BMW ausgestattet wurde, genügte das Fahrzeug den Ansprüchen der Entscheidungsträger. Überliefert ist eine Begebenheit, anlässlich derer verschiedene Generäle das Faun Kraka testeten: „Und man sah sie jauchzend am Horizont verschwinden…“. Im Vergleich verschwindet aber eher der Prowler am Horizont, als es das Kraka könnte. Deutlich stärker motorisiert beschleunigt die Katze innerhalb eines kurzen Augenblicks auf eine Höchstgeschwindigkeit jenseits der 90 km/h und lässt das ehemalige Bundeswehr-Fahrzeug weit hinter sich. Selbiges schafft knapp 55 Kilometer pro Stunde. Knapp über 800 Fahrzeuge wurden im Laufe der Zeit gebaut und fanden nach der Ausmusterung den Weg in die freie Wirtschaft. Wurden einige Exemplare an befreundete Länder verschenkt, mussten Privatkunden 2400 Deutsche Mark zahlen und konnten das Faun Kraka erwerben. Herr Hartung aber fand erst 2007 zu seinem Fahrzeug, als er begann mit Quads und ATVs zu handeln und auf der Suche nach den Ursprüngen dieser grandiosen Fahrzeuge war. „Ich habe lange im Internet recherchiert und so das Kraka gefunden. Irgendwer gab mir einen Tipp, dass es in meiner Nähe jemanden gab, der ein solches Fahrzeug besaß. Finden konnte ich diesen aber nicht. Mehr als zwei Jahre habe ich gebraucht um mein jetziges Fahrzeug in Berlin ausfindig zu machen!“, so Herr Hartung zu den Anfängen seiner persönlichen Kraka-Geschichte. „Ich wollte kein restauriertes Kraka“, setzte Hartung fort, „sondern eines, das ich selbst restaurieren konnte. Mit damaligem E5-Sprit stand das Fahrzeug beim Vorbesitzer zehn Jahre in einem Container!“. Nach einer kurzen Ausfahrt habe der damalige Besitzer das Fahrzeug mit Benzin im Tank und angezogener Handbremse abgestellt, weshalb brachiale Gewalt von Nöten war, dass Kraka aus dem Container zu ziehen. „Der Vergaser sah aus wie ein Salzklumpen!“, beschrieb Herr Hartung den Zustand der Benzinanlage. Doch nach knapp einem Jahr Restauration konnte eine erste Ausfahrt erfolgen! „Ich kenne jede Schraube mit Namen!“, machte der Bastler den Aufwand eines derartigen Unterfangens deutlich. Fahren macht Spaß, ist aber im Vergleich zum Prowler harte Arbeit! Aufgrund der nicht vorhandenen Federung, einzig die Räder und ein mit Gummipaketen ausgestattetes Knickelement dämpfen ein wenig, wird jede Fahrt zur Rückenprobe. Herrn Hartung aber schreckt diese Fahreigenschaft nicht ab – mehr als 2000 Kilometer legte er mit dem frisch restaurierten Fahrzeug zurück, das als „LKW – offener Kasten“ durch die Dekra eingestuft wurde. „Wenn man unterwegs ist, fällt man auf. Der Weg ist das Ziel. Viele Leute denken, das Faun Kraka ist ein Eigenbau, was ich ständig verneine!“, berichtete der Kraka-Besitzer über die Reaktionen von Passanten.

Prowler Besitzer Herr Mauersbacher muss solche Reaktionen nicht fürchten – sein Fahrzeug sieht moderner aus und ist im Vergleich zum Kraka bekannter. Im gemeinsamen Fahrtest durchfuhren beide Feuerstühle eine Wasserfurt und steuerten mehrfach durch recht tiefes Gewässer. Arctic Cats Prowler verfügt im Gegensatz zum Kraka über einen Allrad-Antrieb und konnte deutlich sicherer queren – aber auch das Kraka schaffte die Durchfahrt, scheiterte aber an der Uferböschung. Gezogen durch den Prowler, erreichte das 1974 erstmals zugelassene Fahrzeug das rettende Ufer und musste dann beobachten, wie der Prowler an der eben durchfahrenen Stelle Wasser zog und kurze Zeit außer Gefecht gesetzt wurde. Modern ist eben nicht immer besser.

 

Fazit

Nach unseren Fahrversuchen stellen wir fest, dass das Kraka modernen Fahrzeugen ähnelt. Optisch etwas rustikaler, technisch eigentlich völlig unterschiedlich und konzeptionell extremer, hat das Kraka mit heutigen Fahrzeugen nur drei Gemeinsamkeiten: vier Räder, ein Lenkrad und Sitzplätze. Das Fahrverhalten ist nicht vergleichbar und der Einsatzzweck völlig differenziert. 700 Kilogramm Waffen schleppen? So etwas müssen heutige Fahrzeuge der UTV-Klasse nicht mehr. Abschließend bleibt festzuhalten: Fauns Kraka ist vielleicht nicht die Mutter aller UTVs, vielleicht aber die Ur-Ur-Ur-Großmutter, deren Gene zu kleinen Teilen in heutigen Utility-Vehicles stecken. Oma, gut schmeckts!

Text und Fotos: Martin Zink / faszination@quadwelt.de

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